Von Walter Bau

Gelangweilt macht es sich Domenico auf der Rückbank seiner Kutsche bequem. „Nichts los“, meint er achselzuckend, „keine Touristen da.“ Seit über drei Jahren kutschiert Domenico mit seinem Einspänner Rom-Urlauber durch die Stadt am Tiber, vorbei an der Piazza di Spagna, am Trevi-Brunnen oder am Forum Romanum. Vor wenigen Wochen hat Domenico seinen Standplatz gewechselt, jetzt wartet er an der Via Veneto auf Kundschaft.

Noch vor kurzem wäre dieser Halteplatz für den Kutscher undenkbar gewesen. Da wälzte sich fast unablässig eine Blechlawine durch die Straße, Stoßstange an Stoßstange quälten sich die Autos von der Piazza Barberini hinauf Richtung Villa Borghese. Nicht weniger lang war die Schlange derjenigen, die in Gegenrichtung ins Zentrum rollten. „Bei dem Verkehr wäre eine Kutschfahrt der reinste Streß gewesen“, meint Domenico, „und gefährlich dazu.“

Doch selbst in Rom mit seiner schwerfälligen Bürokratie sind bisweilen Veränderungen möglich. Seit dem 1. August ist der obere Teil der Via Veneto, eine der geschichts- und geschichtenträchtigsten Straßen der italienischen Hauptstadt, für die Fußgänger reserviert. Der gut 500 Meter lange Abschnitt zwischen der Via Ludovisi und der Porta Pinciana bleibt für Autos gesperrt. Die Straße des dolce vita, des süßen Lebens in den sechziger Jahren, die im letzten Vierteljahrhundert immer mehr heruntergekommen war, soll nach dem Willen der Stadtoberen verlorenes Flair zurückgewinnen. Die Sperrung der Straße für den motorisierten Verkehr – für eine Stadt wie Rom, in der das Verkehrschaos der Normalfall ist, ein nahezu revolutionärer Vorgang – soll nur der erste Schritt sein, die Via Veneto zu einer Flaniermeile ersten Ranges umzugestalten. „Eine wunderschöne Insel“ titelte der römische Messaggero schon am Tag nach der Eröffnung des Fußgängerbereichs und bejubelte überschwenglich das „Wunder Via Veneto“.

Mit viel Symbolik wurde der neueste Abschnitt in der wechselvollen Geschichte der Straße, deren Name einst mit den Champs Elysée oder der Fifth Avenue in einem Atemzug genannt wurde, eingeläutet. Gaia, ein fünf Jahre altes römisches Mädchen, und der kleine Ken aus den USA, dessen Eltern gerade im feinen Hotel „Excelsior‘ an der Via Veneto logierten, durften zur Einweihung das Band durchschneiden. „Wir haben die Tradition mit der Zukunft verbunden“, so Mario Miconi, Chef des „Excelsior“ und Sprecher der Geschäftsleute der Via Veneto. Tradition hal die Straße in der Tat reichlich zu bieten. „Jeder Römer trägt eine andere Via Veneto im Herzen“, meinte ein in Ehren ergrauter Signore beim Eröffnungsfest.

Die Geburtsstunde der Via Veneto liegt über einhundert Jahre zurück. 1886 mußte die Villa Ludovisi, damals eine der herrlichsten Parkanlagen Europas, dem Straßenbau weichen. Schon zu Anfang des Jahrhunderts etablierte sich hier die Caféhauskultur. Später, in den zwanziger und dreißiger Jahren, als die Touristen immer mehr die Stadt eroberten, gehörte die Via Veneto zum festen Programm eines jeden Rom-Besuchers. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Jahren des Wiederaufbaus, entwickelte sich der Boulevard zum literarischen Salon der Metropole. Schriftsteller und Dichter trafen sich in den Straßencafes mit Intellektuellen und Journalisten. Buchläden, Ateliers bekannter Maler, Bars und Cafés wurden gleichsam zu improvisierten literarischen Clubs. Der Dichter Vincenzo Cardarelli etwa besuchte täglich das Café „Strega“, wo er sich mit Künstlerkollegen wie Renato Guttuso, Mario Soldati, Vitaliano Brancati, Paolo Monelli oder Mario Mafai zum Gedankenaustausch traf. Ein paar Schritte weiter, bei „Rosati“, war der Treffpunkt der Redakteure von II Mondo, während in der Libreria Rossetti unbekannte, aber nach Höherem strebende Schriftsteller die Nähe zu berühmteren Kollegen suchten.

Dann kamen die sechziger Jahre und mit ihnen die Glanzzeit der Via Veneto. Federico Fellini drehte seinen Film „La dolce vita“ und prägte damit einen Lebensstil. Marcello Mastroianni fuhr im schnittigen Cabrio bei „Harry’s Bar“ vor, Anita Ekberg nahm ihr berühmtes Bad in der nahen Fontana di Trevi – Szenen, die Filmgeschichte machten. La dolce vita, das süße Leben, prägte die Via Veneto der sechziger Jahre. Filmgrößen wie Gary Cooper und Ava Gardner, Richard Burton und Liz Taylor, Marlon Brando und Anna Magnani, Tyrone Power und Luchino Visconti gaben sich in den Bars und Cafés ein Stelldichein. Filmsternchen sonnten sich im Glanz der Stars. Prinzessinnen und Könige feierten hier rauschende Feste. Und immer lauerten im Hintergrund die Paparazzi auf einen Schnappschuß.