Von Arne Daniels

Der Krieg kam übers Land. Einen „Generalangriff auf den sozialen Frieden und die gesamte Gewerkschaftsbewegung“ sah der DGB. Nach dieser „Kriegserklärung“ (der bayerische DGB-Vorsitzende Fritz Schösser) gehe es um nicht weniger als „um die Lebensinteressen der arbeitenden Menschen“, donnerte Klaus Zwickel. Dieser „Raubzug“, drohte der neue Chef der IG Metall, werde zu einem „Konflikt von gnadenloser Härte“ führen. „Mit Wut und Empörung“ nahm die kleine Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft gar einen „Schlag ins Gesicht der Demokratie“ wahr.

Im „Überlebenskampf“ wähnte sich auch die andere Seite und hatte sich deshalb in höchster Bedrängnis zu einem „Notschrei“ entschlossen – ausgestoßen von Hans-Joachim Gottschol, dem Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall in Köln. Mit ihrem Startschuß zur diesjährigen Tarifrunde, krachend wie lange nicht mehr, lösten die Funktionäre der Metallindustrie reflexartige Solidaritätsbekundungen von Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden einerseits und Gewerkschaften wie Sozialpolitikern andererseits aus. Nun hatte Gottschol am vergangenen Dienstag freilich nicht den sozialen Frieden aufgekündigt, sondern bloß simple Tarifverträge: die über Einkommen, Urlaub- und Urlaubsgeld in der Metall- und Elektroindustrie, und zwar ganz legal und fristgerecht. Was die Gewerkschaften seit Jahrzehnten praktizieren, lautete die Begründung, stehe nun auch den Arbeitgebern zu: die Anpassung der Tarifverträge an die wirtschaftlichen Realitäten, und die seien nun mal schlecht wie nie. Die Vertragskündigung durch die Arbeitgeber, ein Novum in der westdeutschen Tarifgeschichte, wurde so zur Fortsetzung der im Sommer erbittert geführten Standortdebatte: Der Worte waren genug gewechselt, nun sollten endlich Taten folgen.

Der dramatische Gestus, mit dem die Arbeitgeber den ungewöhnlichen Schritt begründeten, und die martialische Rhetorik, mit denen die Gewerkschaften in den vergangenen Tagen reagierten, sind dem Publikum allerdings aus den zurückliegenden Jahren wohlvertraut. Alles wie gehabt, möchte man meinen. Bloß: Selten zuvor waren die Klagen sowohl von Arbeitgebern wie von Arbeitnehmern so berechtigt. Das Kriegsgeschrei auf beiden Seiten zeigt, wie blank die Nerven liegen. Um 14 Prozent ging die Branchenproduktion im ersten Halbjahr 1993 zurück, die Kapazitätsauslastung sank auf magere 77 Prozent, und damit ging auch die Produktivität um zwei Prozent zurück. 600 Betriebe mußten aufgeben. „27 000 Entlassungen im Mai, 35 000 im Juni, 45 000 im Juli – so kann es nicht weitergehen“, meint Dieter Kirchner, Hauptgeschäftsführer von Gesamtmetall.

Reallohnverluste in den vergangenen beiden Jahren, die Streichung außertariflicher Zahlungen, steigende Steuerlast und Soziälversicherungsabgaben, nun auch noch die Kürzung der Feiertagsbezahlung und vor allem die nackte Angst um den Job setzen aber auch den Beschäftigten zu. Das hat zwar wenig mit den notwendigen Kostensenkungen für die Betriebe zu tun, aber dafür um so mehr mit der Befindlichkeit der Arbeitnehmer.

Und das macht die neue Tarifrunde so gefährlich: Beide Seiten stehen mit dem Rücken zur Wand, beide Verbände sollen für ihre Mitglieder dafür sorgen, daß es nicht noch schlimmer wird. Die in Gesamtmetall organisierten Firmen hätten einen „gewaltigen Druck“ gemacht, sagt Kirchner, „die halten die Tariflast einfach nicht mehr aus“. Auch die IG Metall, die innerhalb von zwei Jahren 400 000 Mitglieder verlor, muß beweisen, daß sie in der Lage ist, die Interessen der Beschäftigten zu verteidigen. Daß seit dem außerordentlichen Gewerkschaftstag in Mainz vom vergangenen Samstag mit Klaus Zwickel und Walter Riester ein neues Führungsduo an der Spitze der größten deutschen Gewerkschaft steht, macht die Situation zunächst nicht einfacher. „Die Neuen kriegen jetzt gleich ordentlich Druck von unten. Die müssen nun zeigen, daß sie für uns kämpfen können“, meinte ein Delegierter.

Hinzu kommt, daß die Tarifparteien mit Problemen konfrontiert sind, die mit dem Tarifrecht nicht zu lösen sind: Die Metallkonjunktur ist weltweit eingebrochen; für die hohen Arbeitskosten sind nicht nur die Tariflöhne, sondern vor allem auch die Lohnnebenkosten verantwortlich; die allzu starke Mark macht den Unternehmen das Leben zusätzlich schwer.