Hatte Foucault unser Bild vom 19. Jahrhundert, das zwischen biedermeierlichem Familienidyll und Fortschritt verheißenden Fabrikschloten oszillierte, schon erheblich ins Wanken gebracht, erschien es, nun bisweilen wie das Jahrhundert der im Namen von Modernität und Wissenschaft brutal durchgeführten Disziplinierungen und Ausgrenzungen, so hat Alain Corbin unsere Vorstellungen von neuem irritiert. Jenseits von verklärender Fortschrittsoder anklagender Macht- und Verfallsgeschichte schärften seine mentalitätsgeschichtlichen Untersuchungen den Blick für die innere Fragilität dieser Epoche, für die oft befremdlich anmutenden Bemühungen um einen nur langsam Gestalt annehmenden bürgerlichen Lebensentwurf. Nicht mehr und nicht weniger gelingen Corbin auch in den Aufsätzen seines neuesten Buches. Annäherungen an das gesellschaftlich Imaginäre einer Epoche, die um vieles fremder ist, als wir gemeinhin annehmen. Angefangen von den Zeitvorstellungen der Bürger und Arbeiter über die sich wandelnden Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit bis zum sozialen Leben in Provinztheatern und den Lebensformen von Wanderarbeitern in Paris reicht das Themenspektrum dieser Aufsätze. Wer freilich seine Bücher der letzten Jahre kennt, wird in "Wunde Sinne" nur wenig Neues entdecken können. So anschaulich Corbin auch den Wandel etwa der symbolischen Bedeutung der Wäsche schildert, deren Pflege sich vom öffentlichen Waschplatz unter freiem Himmel in die private Intimität des Hausinneren verlagert - neu ist die Erkenntnis, daß Besitz von immer mehr, immer feinerer und sauberer Wäsche zum Ausweis von weiblicher Schamhaftigkeit und Sittsamkeit im Bürgertum des 19. Jahrhunderts wird, nicht.

Auch eine andere, genuin bürgerliche Sauberkeitsobsession ist bereits in "Pesthauch und Blütenduft" ausführlich beschrieben: die zunehmende Scheu vor Blut, die vielfältige Formen annehmen kann, sei es, daß öffentliche Hinrichtungen an verschwiegene Plätze verlegt werden, sei es, daß Tierhatzen verboten und Schlachthäuser vor den Stadtgrenzen errichtet werden. Ebenso ist das ambivalente Bild, das sich das Bürgertum vom Dienstmädchen macht - einerseits verkörpert es als leidende Martha die hierarchische Gesellschaftsordnung, andererseits gilt es als sündige Maria Magdalena, die die rigiden Sexualnormen der Bourgeoisie bedroht , von Corbin schon dargestellt worden.

Wer Corbins Arbeiten kennt, wird überdies um die Grenzen seiner Perspektive wissen: Die fast ausschließliche Konzentration auf die bürgerliche Welt der Imaginationen, die die Erfahrungen und Deutungen der Objekte dieser bourgeoisen Phantasien - etwa der Dienstmädchen und Dirnen - ausblendet, führt zu einen einseitigen Blick auf das 19. Jahrhundert. Mehr noch: Das Verschweigen der - um nur ein Beispiel zu nennen - oft ländlich geprägten Vorstellungen der Mägde von weiblicher Ehre wie ihrer Einstellungen zur häuslichen Arbeit suggeriert, daß sich das Bürgertum in einem grandiosen Akt der Parthenogenese erschaffen hat. Daß sich kulturelle Identitäten im dynamischen Wechselspiel zwischen verschiedenen sozialen Gruppen herausbilden, wird dabei unterschlagen.

Ein einziger Beitrag - "Pariser Bauern. Die Geschichte der Bauleute aus den Bergen von Limoges" - läßt erahnen, welche Gestalt das 19. Jahrhundert ohne die Verzerrungen der Fortschritts, Verfalls- und einseitiger Imaginationsgeschichte annehmen könnte. Indem Corbin sich hier nicht allein auf eine Rekonstruktion der bürgerlichen Perspektive beschränkt, gelingt es ihm, die Vielfalt der Kräfte sichtbar zu machen, die bei der Entstehung von Imaginationen am Werke sind. Und es zeigt sich, daß das 19. Jahrhundert mehr als zuweilen kuriose bürgerliche Identitätsfindungsprozesse zu bieten hat: ein Neben- und Miteinander sich wandelnder Vorstellungen von unten und oben, von Nähe und Ferne, das voller Widersprüche ist.

In "Pariser Bauern" untersucht Corbin nämlich nicht nur die Erfahrungen der aus der Provinz kommenden Bauleute im für sie fremden Paris, sondern auch die Bilder, die sich die im Limousin zurückgebliebenen Familienmitglieder vom Leben ihrer Gatten und Brüder machen, ebenso wie die Vorstellungen der Pariser von diesen schweigsamen "Halbwilden aus den Bergen". Deutlich wird in diesem Patchwork der Imaginationen, wie facettenreich die Konstruktion von Fremdheit ist: Die Bauleute der ersten Generation zumindest scheinen sich der fremden Stadt Paris und damit einer Fremdheitserfahrung schlicht zu verweigern, sie sprechen ihren Dialekt weiter, lehnen die städtischen Vergnügungen ab und verkehren weiterhin nur mit ihresgleichen. Den Daheimgebliebenen erscheint Paris als das bedrohliche Fremde, als Sündenloch, dem ihre nüchternen und sparsamen Landsleute schutzlos ausgeliefert sind. Die Pariser erkennen in den fremden Wanderarbeitern einerseits dubiose Gestalten, die Geschlechtskrankheiten übertragen, und andererseits vorbildhafte Arbeitstiere.

Hätte Corbin überdies noch den Zusammenhang zwischen diesen verschiedenen Imaginationswelten aufgedeckt, wäre er der Dynamik ihrer Interaktion nachgegangen, dann hätte "Wunde Sinne" in der Tat Neues zutage fördern können.

Über die Begierde, den Schrecken und die Ordnung der Zeit im 19. Jahrhundert.