Von Christoph Dieckmann

Plötzlich scheint es wieder völlig ungewiß, ob Friedrich Schorlemmer am Sonntag den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegennehmen kann. Wenige Tage vor dem Festakt in der Frankfurter Paulskirche ist dem Engel des Ostens das Englische abhanden gekommen. „Wenn ich diesen Mielke treffe“, rief er aus, „dem hau’ ich eins in die Fresse, da vergess’ ich meinen Friedenspreis!“ Dreimal hatte Mielke ihn angerufen, tschekistisch getarnt als Gesandter der Agentur „Fotografik – Skulpturdesign – Promotion“, und ihm zugesetzt, sich in Gips gießen zu lassen, auf daß er, Schorlemmer, im Berliner Panoptikum unter jene treten könne, die gleich ihm „an herausragender Stelle für das Ende der kommunistischen Zwangsherrschaft und die Einheit unseres Vaterlandes in Frieden und Freiheit gewirkt haben“. Soweit Mielke.

Dreimal wimmelte Schorlemmer ihn ab. „Wenn ich mir meine Reputation in der Kirche ganz verderben will, dann müßte ich mich auf so was einlassen.“ Andere taten es begierig, zuförderst Pastor Rainer Eppelmann, als Führer derer, die dem Ostvolk soviel bedeuten wie ihnen die Publizität. Lutz Rathenow, Sabine Bergmann-Pohl, Gunther Emmerlich, Konrad Weiß, der sich später dafür schämte – sie alle gingen dem Satiremagazin Eulenspiegel auf den Gips. Der Report über die eitlen Puppen der Revolution entzückte auch Schorlemmer, bis er las, was der Reporter André Mielke über ihn geschrieben hatte: „Friedrich Schorlemmer, der, wenn er nicht aufpaßt, bald noch mehr Bücher geschrieben haben wird, als er bereits Talk-Shows mit seiner Nachdenklichkeit verziert hat, Schorlemmer hätte zwar gern, sehr gern sogar, Modell gelegen, wäre da nicht die Strenge des Glaubens.“ – „Diese Schweine!“ ruft er, „diese Säue!“ Fürwahr, sie singt ein lutherisches Deutsch, die wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall.

Schorlemmerei auf allen Kanälen, dafür könne er nichts. „Ich werde belagert wie ein Haufen im Wald.“ Er sei doch nicht der einzige. Es gebe doch so viele aus der Ostkirche, die Gleiches gedacht und getan hätten in der alten Zeit. Heino Falcke, Heiko Lietz, Christof Ziemer, Martin Uhle-Wettler – wo sind sie abgeblieben? „Und manchen meiner Kollegen muß ich sagen, daß sie nicht vergessen werden, sondern sich verkriechen.“ Das ist der Wahrheit einer Teil.

Der andere: Die Medienwelt der Images mag nur einen Schorlemmer ertragen, so wahr die „Tagesschau“ sich einen Streik erwählt, eine Flut und eine Hungerkatastrophe. Neunzig Prozent aller Medienanfragen, erklärt der einzige Pastor, wehre er ab. Die restlichen zehn Prozent reichen dem Publikum zum Verdacht, Schorlemmer eigne die Ubiquität, das göttliche Vermögen, zur selben Zeit an beliebig vielen Orten zu wirken. Ein Quantum Eitelkeit monieren nicht nur Neider; das ist eben Redners Höhenrausch, betankt mit dem jugendbewegten Bedürfnis, die Menschheit mitzureißen. Schorlemmer predigt; was er schreibt, wird Rede und wirft sich ins Wort. Des Dichters stumme Sammlung ist ihm nicht gegeben. Literat? Muß er nicht heißen. Politiker? Ach was. „Ich genieße das Privileg, über der Bibel zu sitzen und nicht über kilometerlangen Gesetzesvorlagen.“ Und übernimmt sich doch. „Haben Sie nicht das Gefühl, mehr auszugeben, als Sie einfahren?“ Pause (seltener Moment). „Ja“, sagt er, „mein Euter ist völlig wund.“

Jahrgang 1944. Pastorensohn, „aber davor war nichts Klerikales, nur Magdeburger-Börde-Proletariat“. Germanistik und Politologie wollte er studieren sowie – dabei blieb’s, als die Mauer kam – Theologie. Später Studentenpfarrer, Dozent am Wittenberger Predigerseminar. Kirchlicher Feuerkopf mit einem breiten Œuvre an branchenüblicher Literatur: Predigten, Synodalvorlagen, Essays. Umwelt- und Entspannungsfreak. Feindlichnegativer Pfarrer. Verstockter Dableiber.

Die Mauer fiel. Er blieb, was er war – keine kleine Leistung in einer Zeit, da Freunde sich als Spitzel entpuppten, alte CDU-Mitglieder als neue, Pastoren als Politiker, die glaubten, das Ostvolk habe ihrer innigst geharrt. Schorlemmer glaubte das nicht. „Ich bin nicht typisch“, schrieb er in einem Erinnerungsbuch „Worte öffnen Fäuste“. Kirchenfeindschaft und Atheismus nennt er den bleibenden Sieg der SED. Sei’s drum. „Christlicher Glaube ist sowieso nicht mehrheitsfähig. Christentum vielleicht – als religiöse Dienstleistungsinstitution, die den Großinquisitor nicht stört.“ Er ist in der SPD, weil er „als Sozialdemokrat denkt“, Bloch und Machoveć beerbend.