Von Olaf Sander

„In jeder Menge muß es eine leitende Macht geben, denn wo viele Menschen zusammen sind und jeder sein eigenes Interesse verfolgt, würde die Vielheit zerbrochen und zerstreut, gäbe es nicht auch eine Einrichtung, die sich um das kümmerte, was zum Gemeinwohl gehört.“

Thomas von Aquin

Die Urteile im Mittelalter waren hart, auch in Gelddingen. Dante etwa verbannt die Wucherer in seiner „Göttlichen Komödie“ zusammen mit Heuchlern, Schmeichlern, Betrügern, Fälschern, Kupplern und Zauberern in den zweiten Kreis der Hölle. An anderer Stelle setzt er sie gleich mit Gotteslästerern und Sodomisten. In dieser Gedankenwelt des 13. Jahrhunderts entwickelte Thomas von Aquin seine Wirtschaftslehre, eine Lehre, deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart reichen. Das Zweite Vatikanische Konzil etwa berief sich bei seinen ökonomischen Ausführungen auf ihn, und die moderne katholische Soziallehre wäre ohne Thomas nicht denkbar.

Thomas wurde im Jahre 1225 im väterlichen Schloß von Roccasecca bei Neapel geboren. Im Zentrum seines Lebens stand die Auseinandersetzung mit Gott. Schon mit fünf Jahren begann seine Ausbildung am hoch angesehenen Gründungskloster der Benediktiner auf dem Monte Cassino. Als Vierzehnjähriger nahm er sein Studium in Neapel auf und lernte dort die damals in Europa noch weithin vergessenen, gerade aus dem Arabischen übersetzten Schriften des Aristoteles kennen.

Als Thomas, der sich zu einem religiösen Leben berufen fühlte, wenig später in den Dominikanerorden eintrat, war dies eine klare Entscheidung gegen seine adlige Herkunft und die etablierten ländlich-aristokratischen Mönchsorden. Er wählte den erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts gegründeten Bettelorden, der bald später vom Papst mit der Inquisition, also der Verfolgung von Ketzern, beauftragt wurde. Seine Entscheidung war so ungewöhnlich, daß ihn seine Familie 1244 kidnappte und ein Jahr gefangenhielt, um ihn zum Austritt aus dem Orden zu zwingen.

Nach der Freilassung ging Thomas nach Paris und begann das Studium generale, damals eine Mischung aus Philosophie, Theologie und Allgemeinwissen. Sein Lehrer war der Universalgelehrte Albertus Magnus. 1251 wurde Thomas, vermutlich in Köln, zum Priester geweiht. Fünf Jahre später erhielt er die Lehrbefugnis an der Pariser Universität, damals der Brennpunkt des Geisteslebens in Europa.