Von Peter Hays

Nach jeder Kehre torkelt der Halbmond im Rückspiegel. Durch die Windschutzscheibe sind die dunklen Bergkämme ringsum zu sehen, die fast an den Sternen kratzen. Mitten in der mitternächtlichen Toskana erinnert sich unsereins an Saharanächte und verspürt wieder diese nur halb versandete Beduinenneigung.

In solchen phantasiesprühenden Solostunden beginnst du gar die PS deines VW-Campers in Wüsteneinheiten umzurechnen: sechzig Kamelstärken? Und natürlich hat dich zum gelblichen Lichterschimmer dort vorne, garantiert Florenz, nicht etwa die Landkarte, sondern wiederbelebter Nomadeninstinkt zielsicher gelotst.

Knapp unterhalb Fiesole, einst Panoramasitz von Etruskern und Römern, kündigt ein schlichtes Ortsschild Florenz wie irgendein beliebiges Apenninkaff an. Der Campingplatz hat längst die Schranke heruntergelassen. Unten am Arno sind die Hotels bis zu den Giebeln mit renaissancegesättigten Gästen belegt, ein hügeliger Stadtrand ist bevorzugtes Terrain für einen Auto-Tuareg wie mich. Rechts eine einladend finstere Gasse. Die sechzig Kamelstärken brummen nur noch leise, als der eckige Schatten meines Campers an einer hohen Gartenmauer entlanggleitet. Neue Nachbarin, zeigen kurz die Scheinwerfer, ist eine Piccola Biblioteca d’Arte, Nummer 16 bis 19. Unsereins ergibt somit ungefähr die Nummer 19a – mit rund drei Quadratmetern Wohn- und Klappbettfläche. Mehr steht einem nomadischen Plötzlich-Florentiner wohl auch nicht zu.

Vorm Schlafen noch ein Schnüffelschlendern. Es duftet nach Rosen. Links rauscht ein Bach. Leuchtkäfer tanzen vor den Umrissen stattlicher Villen. Kein einziger Hund bellt, und keine einzige Flutlichtfalle strahlt los. Seltsam in unserer angstvollen Zeit, da sich selbst Reihenhäuser in videoäugige Zitadellen verwandeln, aber sogar das Riesentor von Nummer 26 steht weit offen. Wahrscheinlich sind wir unter irgendwelchen vor lauter Alteingesessenheit souveränen Florentinern gelandet. Nebensprößlinge der Medici zum Beispiel. Trotzdem gut, daß sie alle längst schlummern. Auto-Tuaregs agieren möglichst diskret, um nicht zu sagen verstohlen, und klinken ihre Blechresidenzen erst zu dieser Niemandsstunde in feinste Wohn(mobil)lage ein.

Spätestens am nächsten Morgen wirkt die nomadische Nummer 19a wieder harmlos wie ein Lieferwagen mit deutschem Kennzeichen und macht niemand mehr nervös. Ein paar Dutzend Schritte sind’s zur Bar „Le Fontanelle“, wo der nunmehr Sieben-Stunden-Florentiner mit Stoppelkinn 1500 Lire für seinen Cappuccino berappt und in der druckfrischen Ausgabe von La Notte blättert.

Weiter unten wird Florenz seit einer Stunde von der Sonne ockerfarben gebacken, aber hier genießen wir noch den Schatten einer breiten Apenninschulter. Angenehm kühl läßt sich’s auf einen Bus der Linie 7 warten, der hinauf nach Fiesole fährt.