Von Robin Detje

Ein Mensch kann vormittags zum Beispiel auf einem kleinen Bummel durch die Einkaufspassage an der lustigen Verlosung einer Schuhfirma teilnehmen, nichts gewinnen und mit der Freundin einen bitteren Espresso nehmen. Zu Hause dann leichte Rückenschmerzen. Der Magen: unruhig. Die Wirklichkeit: ein graues Gewölk. Wer will das wissen?

Wäre der Mensch ein Schriftsteller, könnte er seinen Vormittag mit ein paar Tastenhieben in Literatur verwandeln. Er könnte das große Los ziehen, er könnte sich ein Gift in den Espresso mischen lassen und einer Mafiaverschwörung zum Opfer fallen, während seine Freundin mit dem Kellner glücklich wird, bis dann ... wer weiß? Er könnte fliegen und fliegend eine Wirklichkeit einkreisen, die, je verrückter sie wäre – Abrakadabra! – immer wirklicher würde. Dabei käme am Ende vielleicht ein qualvoll gutgelaunter, pseudopostmoderner Romanschinken heraus – vielleicht aber auch ein Werk, das platzt vor Freude an den Möglichkeiten des Dichtens und Erfindens. Schreiben ist ein Leben als Gott.

Ulrich Woelk nagelt den Helden seines zweiten Romans, den jungen Innenarchitekten Johannes Stirner, mit jedem Satz am Boden der Wirklichkeit fest. Er bindet ihn auf einen Stuhl vor eine Schreibmaschine und setzt ihn unter bleiernen Schreibzwang. Die Schreibmaschine ist eine Schreibmaschine ist eine Schreibmaschine der Firma Olivetti, und die deutsche Geschichte, deren Mantel durch die Geschichte von Johannes Stirner flattert, sieht genauso aus wie gerade eben noch im Fernsehen oder in der Zeitung.

Zweimal setzt Stirner an, sein Leben zu erzählen; im ersten Teil des Buches („Erste Woche“) rapportiert er die Zeit von der Hochzeit seines großen Bruders bis zu seiner Ankunft in Berlin im Wagen der schönen Deutsch-Spanierin Lucca. Sie bringt ihn zu Johnny, einem Freund des Bruders aus rebellischen Tagen, auf dessen Olivetti er seinen Bericht schreiben wird. In der „zweiten Woche“, vier Monate später, gibt er zu Protokoll, was in der Zwischenzeit passiert ist: seine Affäre mit Lucca und ihr Ende im Trubel der Silvesterfeier 1989 an der frisch geöffneten Berliner Mauer.

Die Zeit der Erzählung ist Jetzt; das jetzigste Jetzt, das man sich vorstellen kann: die Sekunde, in der Stirner die Finger auf die Schreibmaschinentasten senkt. Und dann die nächste Sekunde und die nächste. Stirner schreibt, und schreibend schreibt er, daß er schreibt.

Nichts bleibt uns verborgen, am allerwenigsten der Zustand des Erzählers. Jedes Kapitel umfaßt einen Tag Schreibarbeit, und beinahe jeden Abend teilt Stirner uns mit, daß er sich nun nicht mehr länger konzentrieren könne (S. 48: „Meine Konzentration ist am Ende trotz der kühlen Luft, die durch das Fenster hereindringt...“; S. 68: „Ich habe das Schreiben unterbrochen, das Fenster geöffnet, was nichts nützt, ich bin erschöpft...“). Oder er entschuldigt sich am nächsten Morgen: „Ich habe Schluß gemacht gestern, schlicht Erschöpfung ...“