Von Franziska Augstein

In Frankreich hat man in diesem Jahr einen großen Irrtum aufgedeckt: „Das Unglück“, schreibt Le Monde, „schien im Verschwinden zu sein.“ Zumindest in den westlichen Industrienationen habe es einige Zeit den Anschein gehabt, als gebe es im Staat neben der Wohlfahrt keinen Raum fürs Elend mehr. Das sei aber ein Trugschluß gewesen. Wahr ist: Unglück und Elend gibt es allenthalben, in allen Schichten und in allen Kontexten.

Die Einsicht dankt das französische intellektuelle Leben Pierre Bourdieu, dem zur Zeit vermutlich bekanntesten französischen Soziologen. Er hat mitsamt seinem Mitarbeiterstab landauf, landab die Menschen ins Gespräch gezogen, mit dem Ziel, soziale Räume – insbesondere die desperaten Vororte und Trabantenstädte – in allen Facetten der individuellen Wahrnehmung zu zeigen. Und die Menschen sprachen: dankbar, daß einmal jemand sich für sie interessierte, für ihre Einsamkeit, Armut, existentielle Entmutigung, familiären Probleme, beruflichen Niederlagen und nachbarlichen Kleinkriege.

Die fünf Dutzend Interviews samt den theoretischen Begleittexten haben einen ungeheuren Erfolg gehabt. Endlich einmal seien die Ausgeschlossenen und Enttäuschten zu „Wort gekommen“, heißt es. Hier sei die Gesellschaft ihrer Lackfassade entkleidet, heißt es. Für das Unglück dieser Tage macht das Buch das Schulsystem, die gesellschaftliche Organisation und die Funktionsweise des politischen Lebens verantwortlich. Dies hat dem Werk in der französischen Presse den Ruf eingetragen, eminent politisch zu sein. Und das muß Bourdieu schmeicheln: Das ist sein Anspruch, seit er in den sechziger Jahren erstmals von sich reden machte.

Manches Gute ist über „Das Elend der Welt“ zu sagen: Das Buch ist ungemein hübsch aufgemacht und eingerichtet. Der soziologische Jargon wurde vermieden. Die Interviews sind in der Tat außerordentlich einfühlsam geführt und behutsam redigiert. Trotzdem wird bei aller Liebe zum schicksalhaften Detail die Lektüre bald ermüdend: Daß die Tristesse des Alltags nicht unvermittelt ans Publikum weitergegeben werden kann, mußten bereits die politisch engagierten Dramatiker der sechziger Jahre einsehen. Und daß den hier versammelten Gesprächen keine besonders differenzierten Kommentare zur Seite stehen, macht es jenem Leser schwer, der liest, um zu lernen, nicht, um mitzufühlen. Und dieser Leser mag sich wundern, warum „La Misere du monde“ wie eine Offenbarung aufgenommen wurde und seit Monaten ein Bestseller ist.

Bourdieus Verständnis von „verstehen“ – ein interpretierendes Einfühlen in die Position des anderen –, das er gewichtig wie eine neue methodische Formel vorstellt, ist ungefähr auf dem Stand der Hermeneutik des 19. Jahrhunderts. Seine Bemerkungen über das Mißbehagen, das aus einem unbefriedigenden Vergleich der eigenen sozialen „Position“ mit der des Nebenmenschen erwächst, variieren schlicht die altbekannte Theorie von der „relativen Depravation“. Und was den politischen Anspruch angeht, so mag man fragen, wie ein Werk politisch sein kann, das nur und ausschließlich auf Zustimmung stößt. Obendrein werden die allerpersönlichsten Sorgen, die Leibniz „transzendentale“ genannt hat, mit solchen vermengt, für die ein Staat tatsächlich zuständig ist. Aber über diese Unterscheidung geht das Buch hinweg. Mit dem Mut zur großen Geste verlangt Bourdieu „eine andere Politik“. Aber welche und zu welchen Zwecken? Gelegentlich hat er erklärt, mehr Frauen in der Politik wünsche er sich und grundsätzlich mehr Sensibilität von Seiten der Politiker und Medien.

Darin muß man Bourdieu, wie auch sonst, oft beipflichten. Schande über den, der es nicht tut. Und der solchermaßen beim Portepee gepackte Leser merkt, daß „La Misere du monde“ zutiefst moralisch durchdrungen sei. Das ist vielleicht sogar das Geheimnis seines Erfolges. Das Buch, das ein politisches Ereignis sein will, ist in Wahrheit ein moralisches Monument: 1,25 Kilogramm Sittlichkeit brutto.