Sokrates immer noch und immer wieder: der berühmteste Philosoph! Sokrates hat nichts geschrieben. Gibt es da einen Zusammenhang? Wenn ja - so fragt sich der Abstinenzler , warum sind dann alle anderen, die ebenfalls nichts geschrieben haben, nicht ebenso berühmt geworden?

Von Anfang an lernen wir etwas über - nichts, über den Kipprand der Vernunft, besser: über Verneinungen. Wenn die Tatsache, daß Sokrates keine Zeile hinterlassen hat, eine Botschaft enthält (was sehr wahrscheinlich ist), wie erfahren wir von dieser Botschaft?

Nun ja - Platon, Xenophon, Aristophanes haben über den Helden des Athener Marktplatzes um so mehr geschrieben. Dialoge, Theaterstücke, Erinnerungen. Für den einen war er ein Sophist, ein Wortverdreher, für den anderen der Erfinder der Lehre von den Ideen. Für das Orakel von Delphi war er der Weiseste aller Menschen. Nachfolgende Philosophen, vor allem der Enkelschüler Aristoteles, haben ihn referiert, interpretiert, verfälscht. Im Grunde ist die ganze Polis Athen, die ihn zunächst zum Tode verurteilte, ihm dann aber eine Weihe- und Sühnestatue aufstellte, an der großen Inszenierung beteiligt. Sie alle bilden die Folie, vor der die Weigerung, Sätze aufzuschreiben, beredt wird. Der Zauber des Sokrates ist die Inszenierung des Nichts in verschiedenen Varianten.

Das eindrucksvollste Beispiel dieser Präsentation ist zweifellos der Schluß. Sokrates führt seinen Freunden den eigenen Tod, das "gelernte Sterben", vor. In einer Choreographie von Rede und Gegenrede, die am Ende in geprüftes Handeln übergeht, erscheint das "gute Leben" in abendlichem Glanz. Seine Praxis heißt diesmal der Tod. Die Zuweisung von Bedeutung an die letzte aller Bestreitungen, die Bestreitung des Lebens selbst, macht die furchtbarste und zugleich fruchtbarste aller Antinomien aus: den Widerspruch, den die Vernunft antrifft, da, wo sie am Ende ist.

Sokrates hat bis heute keine Feinde, keine wirklichen. Selbst Nietzsche, der Sokrates, den Diener des Apollon und die Verkörperung des Apollinischen, als ersten Rationalisten an den Pranger stellen will, gerät ins Schwärmen. Dionysisch blitzt es durch die Ritzen des Gebäudes: "Damals füllten sich die Seelen mit Trunkenheit, wenn das strenge und nüchterne Spiel der Begriffe, der Verallgemeinerung, Widerlegung;, Engführung getrieben wurde - mit jener Trunkenheit, welche vielleicht auch die alten großen strrengen und nüchternen Contrapunktiker der Mussik gekannt haben. Damals hatte man in Griechenland den anderen älteren und ehedem allmäcthtigen Geschmack noch auf der Zunge: und gegeen ihn hob sich das Neue so zauberhaft ab, daß man von der Dialektik, der göttlichen Kunst, wie in Liebeswahnsinn stammelte. Jenes Alte aber war das Denken im Banne der Sittlichkeit, für das es lauter festgestellte Urteile, festgestellte Ursachen, keine anderen Gründe als die der Autorität gab: so daß Denken ein Nachreden war und aller Genuß der Rede und des Gesprächs in der Form liegen mußte. Sokrates war es, der den entgegengesetzten Zauber der Ursache und der Wirkung, des Grundes und der Folge entdeckte Soweit Nietzsche in der "Morgenröthe".

Auch hier die Inszenierung einer raffinierten Verneinung. Sokrates predigt nicht frontal gegen das Ethos, gegen die Üblichkeiten und Sitten seiner Mitbürger. Im Gegenteil: Er fragt! Er fragt: "Was ist das?" - die Gerechtigkeit, die Frömmigkeit, die Tapferkeit?

Behauptungen aufzustellen überläßt er seinen Dialogpartnern. Die Widersprüche, in die sie sich regelmäßig verwickeln, gehen zu ihren Lasten. Er läßt sie da ankommen, wo er von Anfang an behauptet hatte, schon zu sein: beim Widerspruch, beim Nichtwissen.