Ein Geigenbauer bei der Arbeit. Ganz vorsichtig hält er das Instrument, wendet es hin und her, prüft Schnitt und Form. Dabei streichelt er das Holz, als wollte er ihm so den letzten Schliff geben. Als er Hilfe braucht, ruft er ruhig nach seinem Partner. Der tritt wortlos hinzu, greift nach vier kleinen hölzernen Schraubstöcken und klammert damit den Resonanzboden fest an den Körper der Violine. Ein kunstvolles Spiel, mal mit zwei, mal mit vier Händen. Alles ist für sich geordnet, alles aufeinander abgestimmt. Keine Profession, eine Obsession.

Stéphane, der geniale Bastler und Handwerker (Daniel Auteuil), und Maxime, der lässige „Patron“ und Organisator (André Dussollier). Zwei Freunde, die sich miteinander arrangiert haben, die genau wissen, was sie eint und was sie trennt. „Maxime und ich, wir verstehen uns, ohne viele Worte zu machen.“ Mit diesem Satz, von Stéphane im Off gesprochen, beginnt der Film. Das Hohelied auf das perfekte Team, das sich ergänzt, ohne sich zu hofieren oder zu plagen. Das Ideal eines Common sense, der einzelne Schwächen zu gemeinsamen Stärken fügt.

Das Idyll endet, als Stephanes einleitende Worte abbrechen. Nach der subjektiven Einführung: der objektive Jammer. Maxime gesteht eines Abends beim Essen, er habe eine neue Frau kennengelernt, mit der er in Zukunft leben wolle. Dabei weist er auf diese Frau im Hintergrund, als wolle er eine neue Jagdtrophäe präsentieren. Das Arrangement bekommt erste Risse. Wie ein doppeltes Traumbild ist Camille (Emmanuelle Béart) in dieser Szene photographiert, als Verheißung für Liebe und Krieg zugleich. Sie fordert heraus, indem sie zunächst Maximes Spiel am Nebentisch ignoriert, beim Weggehen aber seine Aufmerksamkeit erregt. Ein Moment von eleganter Bosheit kommt dabei auf, ein Hauch von brutaler Beiläufigkeit und Tyrannei.

Ein Drama zwischen einem Geigenbauer, einem „Patron“ und einer Violinistin – das macht es leicht für Spötter. Claude Sautets Filme jedoch handelten noch nie von realen Menschen in einer realen Umgebung. „Ich bin kein Realist, der den Alltag betrachtet. Ich stilisiere gern. Für die Realität ist das Fernsehen da. Das Kino sollte nach der Wahrheit suchen, ewige Fragen behandeln. Wenn es sich auf das Parkett des Alltäglichen begibt, hat es verloren.“

Berühmt wurde Sautet in den siebziger Jahren mit seinen melancholischen Männergeschichten: „Das Mädchen und der Kommissar“, „César und Rosalie“, „Vincent, François, Paul und die anderen“. Michel Piccoli, Yves Montand, Serge Reggiani: Sautets Männer sind „stark und biegsam, zärtlich und düster, großmütig und grausam, je nach Eingebung des Augenblicks, immer zum Kampf bereit, doch unfähig, sich zu unterwerfen“ – bis eine Frau sie so sehnsüchtig werden läßt, daß sie weder ein noch aus wissen.

Ende der achtziger Jahre begann Sautet, sich für negativere Männer zu interessieren, die „zerstörerisch“ sind und „undurchlässig für Gefühle“. Die bevorzugte Lektüre seines Helden in „Einige Tage mit mir“: „Plume“ von Henri Micheaux. Im Mittelpunkt des Buches steht ein selbstgenügsamer Mann, der, abgekapselt von der Welt, nur in sich selbst ruht, „ein dichtes und persönliches und trübes Weltall, wo nichts von außen her Einlaß fand, weder Eltern noch Zuneigung, noch irgendein Ding...“ Das Vorbild nun für „Herz im Winter“: Michail Lermontows Petschorin, einer der frühesten „überflüssigen Menschen“, wie es sie in der russischen Literatur später so häufig gab. „Ob ich ein Narr bin oder ein Bösewicht, weiß ich nicht; aber eins ist richtig: ich bin auch zu bemitleiden..., denn meine Seele ist von der Welt verdorben, meine Phantasie ist unruhig, mein Herz unersättlich; ich habe nie genug: an den Kummer gewöhne ich mich ebenso wie an den Genuß, und mein Leben wird von Tag zu Tag leerer...“

Wie Petschorin bei Lermontow nähert Stéphane sich der jungen Frau mit Interesse, macht ihr den Hof und weist sie, als sie ihm leidenschaftlich ihre Liebe gesteht, kühl und bestimmt zurück. „Camille, ich liebe Sie nicht!“ Auch Stephane ist von der Welt verdorben. Jede Erfahrung, jeden Genuß empfindet er als schal. „Etwas in mir lebt nicht“, gesteht er einmal. Aber eine Konsequenz daraus zu ziehen lehnt er ab. „Was werden Sie machen?“ – „Ich weiß es nicht!“