Marie Deniet studiert Philosophie. Marie Deniet geht auf die Dreißig zu. Marie Deniet will schreiben. Marie Deniet sucht Aufschluß über die Rolle, die ihr in dieser Welt zugedacht ist. In sieben Jahren begegnet sie sieben Männern, und in jeder der sieben Geschichten, die daraus entstehen, spielt sie eine andere Figur "Kann man etwas suchen, ohne zu wissen, was es ist? Ich suchte, ohne zu wissen, was. Ich erkenne es, weil es mir stets in derselben Gestalt begegnet, in derselben Umhüllung, in Form von Worten, gesprochenen Worten des Mannes mit dem Gesicht oder gedruckten Worten auf Papier, hinter denen sich ebenfäls das Gesicht verbirgt. Der Mann und die Worte wekken ein Verlangen, das ich stillen unc doch nicht missen will. Manchmal denke ich es ist das Leben selbst, dann wieder, es wären doch nur Worte und sonst nichts, und daß es ohne diese Worte nichts ist, nicht existiert Endlich einmal muß man es nicht hineinlesen. Es steht drin, ausdrücklich und immer wieder nea: IchErzählung, Liebesgeschichte und Bildungsroman, alles in einem. Dieser Roman ist die Gesihichte einer Suche danach, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Connie Palmen hat Philosophie studiert. Connie Palmen hat die Dreißig überschritten. Connie Palmen hat ihr erstes Buch geschrieben, und es ist ein Erfolg. Warum? Weil hier ein weibliches Ich sein Bekenntnis über die Suche nach "Selbstfindung und Glück" ablegt, wie es im Klappentext heißt? Kaum; denn das erzählende Ich ist selbstironisch und distanziert, das schwere fatstische Thema wird mit Leichtigkeit behandelt, und das Ziel der Suche heißt nicht "Selbstfindung", sondern "Schönheit und Sinn". Ein kosmisches Unterfangen also, das nicht zufällig beim Astrologen beginnt, der die Sternengesetze mit der Seele des einzelnen zu verbinden versteht.

Der Weg der "Faustin" Marie zu den Gesetzen geht über die Gesetzgeber "Die Männer machen die Gesetze" - doch "ihr Wissen ist auch mir eine Art, sich über Wasser zu halten", und sie sind mehr als Allegorien, mehr als Repräsentarten ihres Wissens. Es sind faßbare, oft skurrile Gestalten in konkreten, vorstellbaren Liebesgesctichten. Und doch ist der Roman "Die Gesetze" so rund, so konstruiert, so hermetisch wie nur die Himmelskreise im Kopf des Astrologen. Kunstvoll wird darin der Hunger nach Wissen mit dem Hunger nach Liebe verknüpft. In den Wahrheitsangeboten, die die Welt (der Männer) bietet, liegt eine Verführung, der Marie am Ende eine Absage erteilt "Eigentlich ist mein Geist vergewaltigt worden", heißt es im Schlußmonolog "Und ich habe es einfach geschehen lassen, es provoziert, habe geflirtet, auf Teufel komm raus. Er hat mir das prophezeit, der Astrologe. Wie nannte er mich doch gleich? Eine platonische Hure, glaube ich, irgend etwas in dieser Richtung "

Jeder ihrer Mitspieler erfindet für die Erzählerin einen anderen Namen; nur beim Künstler dem vorletzten - heißt Marie "Marie". Bei ihrem "letzten Versuch, der Wahrheit auf die Spur zu kommen", beim Psychiater, verschwindet der Name schließlich ganz. Das Ich erzählt nicht mehr, es löst sich auf im analytischen Monolog, in einer einsamen Conclusio des Schreibens, im fertigen Buch: "Ich verabschiede mich von Ihnen. Es war gut so. Ich habe Ihrer Bitte entsprochen und die Geschichte aufgeschrieben. Den entscheidenden Anstoß hat nicht so sehr Ihre Analyse gegeben . Es war eher das Wunder, daß Sie ihr Bedeutung beimessen konnten, der Geschichte selbst "

Denn die Welt, sie wird im Innersten zusammengehalten: in der "Seele". Dort, wo die Augenblicke zur Lebenszeit zusammenfinden. Wo die Ereignisse sich zur Geschichte reihen. Wo das Leben Erzählung wird. Wo das Gesetz des einzelnen herrscht, der sich selbst Bedeutung schafft Nicht zufällig also auch, daß die Suche der Faustin dort ankommt, wo die Fausts ihren Anfang nimmt: im Studierzimmer (dem des Schriftstellers allerdings). Die Liebe bleibt dahinter zurück. Sie ist zwar das Gesetz über dem Gesetz, das Medium der Suche. Aber wieder einmal fällt die Entscheidung für das schmerzliche, mit der lebendigen Liebe so unvereinbare, einsame Glück des Schreibens.

Ein Wunder - das Wunder eines gelungenen modernen Entwicklungsromans - ist, daß bei so viel Konzept, bei so viel Klugheit und Überblick das Erzählen nicht zu kurz kommt. Daß Tiefsinn und Selbstironie, Gedanke und Einfachheit, distanzierte Subjektivität und lakonische Feinheit der szenischen Beschreibung miteinander bestehen können. Daß die großen Themen - das Verhältnis zwischen Erzähler und Figur, Text und Leben, Sprache und Lüge, Liebe und Projektion, Determinismus und Dezisionismus - so leicht und dennoch eng verwoben daherkommen.

Und nicht zuletzt: daß das Buch der Suche ein Findebuch ist, temporeich, lakonisch, voll Überraschungen. Die Holländerin, die in ihrem ersten Buch so konsequent den Weg zum Schreiben thematisiert, beherrscht die Form. Wie auf einer Wendeltreppe folgt man dem Rhythmus ihres Erzählens auf bequemen Stufen, und auf jedem Treppenabsatz gewinnt man die Durchsicht auf die Spiralform, die aufsteigende Wiederholung des Themas.