Kein Haar in der Nudelsuppe, die er in der Garküche am Straßenrand schlürfen mag? Kein Fehler, der ihm bei der Tee Zeremonie unterläuft? Keine Krise im Bett? Keine Bananenschale, die ihm unversehens unter den Schuh gerät, da er eine Spur zu entspannt durch den Soi Kingchan oder über die Phyathai Road marschiert? Ein Tourist ist er nicht, dieser Reisende, das läßt sich auf den ersten Blick erkennen, sondern ein Professioneller, obschon er die rote Kladde in der Tasche versteckt hält. Stolpert er schließlich doch über die eigenen Beine? Fällt er auf die lange Nase, die ihn - unter anderem - so prominent als einen Sohn des Westens ausweist? Nichts davon. Er fängt sich. Er lächelt, und die Leute lächeln voll guten Willens zurück, eine Spur von Schelmerei in den Augen. Er gehört, wenn sein ruhig ausgreifender Schritt nicht täuscht, zu den Gesegneten, denen alles gelingt. Ein Journalist, der Romane schreibt, die den Namen verdienen, und ein Romancier, der das Handwerk des Reporters in jeder Nuance beherrscht. Ein Poet obendrein, dessen Verse das Aroma der eigenen Sprache selbst in der Übersetzung nicht verlieren: Worte, die "Frauen und Stunden und Paare" werden, "so wie der Hund bellt, die Nacht schwarz ist, das Wasser Wasser". Er hat es sogar zuwege gebracht, den Deutschen - in seinen "Berliner Notizen" - Dinge über sich selber zu sagen, die sie sich lang und verbissen verschwiegen: Freundliches, Kritisches, Überraschendes, Banales - und er wurde mit Applaus überschüttet.

Er ist Holländer. Er durfte wagen, was sich die Deutschen lieber versagten, um seine Landsleute nicht zu erschrecken. Er verfügt über jene geduldig arbeitende Unbefangenheit, die wir als eine Ersatztugend des Journalisten bewundern. In manchen Augenblicken demonstriert er auch die ruchlose Unschuld, mit denen die wachen und schwierigen Kinder begabt sind. Sie mischt sich attraktiv mit der Melancholie eines Mannes, der lang genug auf der Welt ist, um alles für möglich zu halten.

Also doch ein Dichter "Die Erinnerung", schrieb er in seinem Roman "Rituale", ist "wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will" - ein Satz, so liederlich und so wahr, daß er nur einem Poeten einfallen kann Übrigens ist er einer, der sich eine nicht allzu beschwerte Neigung zur Philosophie erlaubt. Vor seinem Roman braucht sich trotzdem keiner zu fürchten. Er läßt dem Leser die Spekulationen über Gott und die Welt und die Zeit und die Liebe nicht sauer werden. Keine Denkarbeit, gottlob: Gedankenspiele. Die Sätze schwitzen nicht. Inni Wintrop, der in den drei Geschichten des Romans aus seinem Leben erzählt (das er sich zu nehmen gedenkt), sinniert zum Beispiel gern über die Zeit, die er einen "unteilbaren Kuchen" nennt, doch zugleich für "unauffindbar" hält, auch für einen Begriff von "klebriger Zähflüssigkeit" ("wie es die Engländer tun"), der mit einiger Logik bewirkt, daß die Vergangenheit am Löffel hängenbleibt: Das letzte Bild lohnt den Aufwand.

Die Unterhaltsamkeit der Erzählung leidet unter solchen Erwägungen nicht. Sie steigert sich eher an den theologischen Erörterungen eines seelisch und körperlich wohlgepolsterten Monsignore, der den Titel eines Geheimen Päpstlichen Kammerherrn spazierenführt, mit dem entschlossenen Atheisten Arnold Taads, den wir uns wie Luis de Funes im Zustand gehobener Intellektualitätoder wie Ernst Jünger als Marionette denken dürfen: ein Mensch (wenn er denn einer ist), der wie ein Uhrwerk funktioniert. Einer, der keine Minute verschenkt, vielmehr die Welt und sich selber durch die Zeit einer unerbittlichen Ordnung unterwirft, bis sie ihn gnädig auslöscht: Dann ist er tot, erfroren, vereist; in gewisser Hinsicht ein Held.

Nootebooms Leichtigkeit, der man nicht über den Weg trauen darf, ließ ihn einmal bei den Bettszenen völlig im Stich, an denen für gewöhnlich alle Schriftstellerei zugrunde geht. Vor den schlimmsten Peinlichkeiten bewahrte ihn ein Gran heilsamer Ironie und außerdem jene Nüchternheit, von der wir annehmen, daß sie holländisch ist. Marcel Reich Ranicki, der auf seine fortgeschrittenen Tage den Enthusiasmus lust- und geistesbewegter Jünglingsjahre wiedergewinnt, rühmte die erotischen Exkurse voll euphorischen Entzückens. Der Verleger, stets ausgeschlafen, wand dem Band unverzüglich eine Binde mit dem schmetternden Lob des Cheftrompeters aus dem Fernseh Quartett um den Bauch. So duirfte das Erstaunliche geschehen: Das Buch - 1980 geschrieben, 1985 zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen - erlebt nun eine sieghafte Renaissance auf allen Bestsellerlisten.

Der Autor, wir wußten es, ist ein Gliückskind. Ein melancholisches, das ist wahr, doclh anders läßt sich literarisches Glück kaum denkeen Übrigens verdient der Roman - Aber ist ees einer? Oder ein Trio locker verknüpfter Geschichten? Kommt es darauf an? - den wunderssam rauschenden Erfolg, der ihm verspätet zutteil wird. Er täuscht nicht mehr Tiefe vor, als er hiat, darin ganz unteutonisch. Er zelebriert keine dichterische Weihe wie so mancher Vorstadt Heiland, der entrückten Blickes unter uns wandeltt. Er teilt eine sympathisch gebrochene Vitalität miit. Er ist nicht mit aufgeblasenen Backen geschrieeben, dafür mitunter brillant formuliert, oft amüssant, ironisch und traurig. Er ist keinesfalls laangweilig, darin so vielen Zeugnissen unserer zeiitgenössischen Literatur voraus. Einer, der fragt, wie langweilig wohl die Langeweile sei, ist es nichht. Nooteboom kann selbst vpn Bangkok (erzählen, ohne seine Leser im Überdruß erstarrten oder, was immer noch besser wäre, vor Wut aaufheulen zu lassen. Ihm werden es, wenn wir uuns nicht täuschen, nicht einmal die Redaktridcen von und übermächtigen Mannsvolk nicht sttieß, den Australiern, Amerikanern, Engländerrn (oder Deutschen oder Holländern), die nebben den "kleinen schwarzhaarigen Prinzessinneen" der thailändischen Nachtklubs Ströme von Biiier in die Hälse schütten. Oder? Mit einem Gran Vorsicht sagt er, sich selber in der dritten Personn präsentierend: "Ihn muß das auf Geheiß westliocher Moralinstanzen unangenehm berühren, abeer irgendein Gleichgewicht ist erreicht, etwa&s wie ein eigenartiges häusliches Glück schwebt inrn Coffee Shop, ein Kind ohne Vater in einer arirmseligen Hütte am Rande Bangkoks hat zu esssen oder kann die Schule besuchen. Die Welt ist eine bittere Waage. Bangkok heißt nicht Bangkok, sondern Krung Thep, Stadt der Engel "

Das mochte einst so sein - vor dem Einfalt der letzten Eskadron aus dem Heer der apokalyptischen Reiter: der Invasion von Aids. Cees Nooteboom schrieb seine Reportage, die er - warum? als eine Erzählung vorstellt, im Jahre 1985. Sein deutscher Verleger, vom bewährten Sinn für die Konjunktur beflügelt, legte die Reisebeschreibung nun in einem Bändchen vor, dessen edle Ausstattung in ihrer luftigen Sterilität - große Antiqua, viel Durchschuß - seltsam mit dem lebhaften und in seinen besten Passagen so liebenswürdig unfrisierten Text kontrastiert.