Helmut Sakowski (geboren 1924), gelernter Forstwirt, zeitweiliges ZK Mitglied und bekannter Film- und Buchautor in der DDR, schrieb in den Jahren, in denen es still um ihn wurde, Kinderbücher. Wie er heute sagt: weil er sich nicht mehr mit der Kulturpolitik seines Landes identifizieren wollte. So entstand 1987 die erste Geschichte des elfjährigen Raoul Habenicht, der mit ungewöhnlichen Strategien den Scheidungswirrwarr seiner Eltern übersteht "Wie brate ich eine Maus" erschien damals auch im Westen und wird nun, in Verbindung mit den neuesten Abenteuern des munteren Knaben, "Prinzessin, wir machen die Fliege", in überarbeiteter Fassung herausgegeben.

Damit können wir - und das gibt beiden Geschichten einen zusätzlichen Reiz - den Lebenskünstler durch zwei Chaoswelten begleiten: quer durch den realsozialistischen wie den realkapitalistischen Familienalltag. Die Erwachsenen spielen ihre Rolle dabei bemerkenswert hilflos, um so bemitleidenswerter, je mehr sie glauben, den richtigen Weg der Anpassung gefunden zu haben. Daß sich der Opportunismus vor- und nachwendig auf tragikomische Weise ähnelt, tröstet nur beschränkt.

Raoul Habenicht wäre kein jugendlicher Held, würde er nicht - trotz aller Eskapaden - ahnen, wo das wirkliche Leben siedeln sollte. Insofern weit mehr Realist als die gereiften Persönlichkeiten um ihn herum, die stets von ihm fordern, er müsse das Unabänderliche tragen wie ein Mann. "Ich habe noch nicht einmal Haare am Bauch", klagt er, "obwohl ich im Frühling die Stelle mit echtem Birkensaft eingerieben hatte. Aber ich soll es tragen wie ein Mann!" - Gut, daß es Großmutter und Großvater Habenicht gibt, die in einer Bauernkate im Dörfchen Pälitzhof wohnen, irgendwo in der idyllischen Landschaft Mecklenburg Vorpommerns. Hier fühlt sich der Junge zu Hause wie nirgendwo anders. Hier erlebt er mit seinem Vater, einem gelernten Traktoristen, die Sommerferien. Von der Trennung der Eltern erfährt das Kind erst am letzten Ferientag. Kein Platz für Raouls Seelenschmerz. Vollendete Tatsachen.

Mit Herzenswärme beschreibt der Autor das Milieu fernab städtischer Zivilisation. Nicht, daß es sich um ein ungestörtes Idyll handelte, aber wo sonst könnte Raoul seinen besten Freund, Kater Munzo, beim vertraulichen Rendezvous mit einem Rehbock beobachten, der Omas Heckenrosen in der Schnauze trägt? Wo sonst gäbe es einen Platz wie das stille Örtchen am Hof, durch dessen Türritzen man unbeobachtet die Geheimnisse der Natur ergründen kann? Und schließlich: Wo sonst könnte der Knabe die Lebenskerben einritzen, die ihm die Eltern zufügen, wenn nicht im Türbalken der engen Schlafkammer unterm Dach? Im Türrahmen seines Kinderzimmers im 10. Stock des Betonblocks am Rande der Großstadt gewiß nicht. Dorthin zieht die Mutter nach den großen Ferien mit ihm und dem neuen Gatten, einem Außenhandelskaufmann, von Raoul kurz "die große Glatze" genannt. Die Katastrophe ist unausweichlich, doch wie wir Raoul kennen, wird er sie überstehen - dank unschätzbaren Wissens über Elternteile und andere Lebewesen.

Raouls zweite Katastrophe naht nach der Wende. Die Protagonisten sind dieselben, die Umstände haben sich verändert. Mutters Karrierepläne als Abteilungsleiterin eines Centrum Warenhauses sind dahin, die "große Glatze" wird Ostvertreter eines westdeutschen Sarghandels, Vater schuftet auf dem Acker, Opa Habenicht ist tot, nur die Großmutter hütet unverdrossen das ländliche Refugium. Und Raoul beurteilt die Lage der Familie weiterhin gnadenlos. Also Stoff für eine neue alte Geschichte. Tatsächlich überläßt Sakowski den gereiften Raoul wiederum sich selbst, und der braucht nicht lange zu warten, bis das Abenteuer vor der Tür steht: in Gestalt der zwölfjährigen Dilan, eines kurdischen Mädchens, das nach dem Tod seiner Mutter illegal im Land lebt. Liebe auf den ersten Blick. Flucht vor einer Bande von Skinheads und ein spektakuläres Showdown vor der Dorfkirche von Pälitzhof. Obwohl Sakowski souverän aus einem unglaublich bunten Repertoire an Einfallen schöpft, kratzt die Geschichte, im Vergleich zur rundum geschlossenen Dramaturgie des ersten Buches, nur die Fassade der neuen Welt an. Die Grundstimmung ist bereits bekannt. Sie lebt aus der trefflichen Dialektik "einfacher" und "gebildeter" Verhältnisse, aus der Karikatur der Lebensphilosophien Erwachsener und aus Raouls ungebrochenem Prinzip Hoffnung. Daß der Autor Raouls DDR Abenteuer mit mehr Zeit und Muse schuf als sein neues Werk, wird offensichtlich. Trotz dieser Mängel bleibt "Prinzessin, wir machen die Fliege" eines der seltenen Plädoyers in der Kinderliteratur, das jede Art von Fremdenfeindlichkeit anprangert und gleichzeitig herzlich erheitert. Thienemanns Verlag, StuttgartWien 1993; 159 S , 19 80 DM Thienemanns Verlag, StuttgartWien 1993; 144 S , 19 80 DM