Von Friedhelm Gröteke

Die erste italienische Republik steht vor ihrem Ende. Die politischen und wirtschaftlichen Institutionen des EG-Gründungsmitgliedes werden in ähnlicher Weise revolutioniert wie in Osteuropa. Die Nation fragt nach den Ursachen der Krise, aber noch mehr danach, was folgen soll.

Auch der Kapitalismus italienischer Prägung steht zur Diskussion. Herrschte in Italien, das als letztes unter den großen europäischen Ländern vom Agrarstaat zur Industrienation wurde, bisher überhaupt ein Kapitalismus? fragt Lorenzo Necci, der als Regierungskommissar die heruntergewirtschaftete staatliche Eisenbahn wieder auf Kurs bringen sollte. "Wenn Kapitalismus die freie Verfügung über Besitz im Sinne von Reichtum und Risikoübernahme ist, die transparente Regeln sowie freien, gleichen und allgemeinen Zugang bei angemessenen, institutionellen Bedingungen voraussetzt, dann bedeutet dies, daß es einen echten Kapitalismus in Italien nie gegeben hat", lautet seine Schlußfolgerung.

Andere glauben, das Land habe verschiedene Spielarten von Kapitalismus ausgebrütet. Einen Staatskapitalismus, der seit der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre auf Mussolinis Befehl hin fast den gesamten Finanzsektor und ein Drittel der Industrie zusammenfaßt; und als Konterpart einen Familienkapitalismus, in dem sich die großen Industriedynastien des Nordens verbunden haben: die Agnelli mit Fiat, die Pirelli, Pesenti, Olivetti, Falck, Marzotto und einige andere, zu denen in den beiden vergangenen Jahrzehnten als Randerscheinungen noch die Benettons, der Fernsehkönig Silvio Berlusconi, der Finanztiger Carlo de Benedetti und die inzwischen wieder abgewirtschaftete Agrarindustriellendynastie der Ferruzzi gestoßen sind.

Alle sind sich jedenfalls einig, daß Italien nie richtig an den Kapitalismus und die Marktwirtschaft geglaubt hat, sondern auf eine Art Sozialstaat baute, der eine allgegenwärtige Subventionswirtschaft mit der politischen Steuerung durch mächtige Korporationen verband. Das ging gut unter der Herrschaft eines Diktators, aber auch danach – solange jedenfalls der Kalte Krieg für Stabilität sorgte. Es ging schief, als der Eiserne Vorhang fiel und Italien außerdem den Regeln des EG-Binnenmarktes unterworfen wurde. Seit anderthalb Jahren zerrt nun die Justiz des Landes eine endlose Kette von Korruption, Bestechung, illegaler Parteienfinanzierung ans Licht, die während der langen Dauer der Parteienherrschaft dieses System zusammenhielt.

Aldo Fumagalli, Präsident des Verbandes der jungen Unternehmer Italiens, hat das griffige Wort "Kapitalianismus" für diese Wirtschaftsform gefunden: "Eine große Generation von Vätern hat das arme, ausgepowerte, besiegte und rückständige Land der Demokratie und dem Wohlstand entgegengeführt. Danach hat eine raffinierte Generation von Profitlern das demokratische Gebäude in ein Gefängnis der Partitokratie verwandelt und die Gesellschaft hineingesteckt. Aber das Blatt hat sich gewendet. Heute stehen wir vor der großen Umwälzung der italienischen Gesellschaft."

Und was sagen Italiens Unternehmer? Viele sind selbst der Versuchung erlegen und haben bestochen, Aufträge erschlichen und sich am großen Subventionsbankett beteiligt. Viele Manager erlagen der Erbsünde des "Kapitalianismus". Eine "kuriose Mischung aus realem Sozialismus und Pseudomarktwirtschaft", meinte Olivetti-Chef Carlo de Benedetti über dieses "statische und geschlossene Modell eines sogenannten Kapitalismus".