Wenn der zerstreute Professor die Fahnen für sein neuestes Buch erst einmal beiseite legte, statt sie korrigiert an den Verlag E. J. Brill in Leiden zurückzuschicken, hielt sich der zuständige Lektor vor wenigen Jahren noch vornehm zurück. Doch diese Epoche ist im ältesten Verlagshaus der Niederlande vorbei. Inzwischen gilt auch für die renommierten Autoren von Brill: Zeit ist Geld. Cheflektorin und Vizepräsidentin Elisabeth Venekamp ist daran nicht ganz unbeteiligt. In tadellosem Deutsch erzählt die Holländerin, daß jeder der sechs Lektoren bei Brill sie heute als allererstes davon überzeugen muß, daß das geplante Objekt auch genug Käufer findet.

Dabei müssen es pro Buch gar nicht mehr als 500 bis 1000 sein. Denn die maximal 200 Bücher und 30 Zeitschriften, die E. J. Brill jährlich auf den Markt bringt, stehen in einer normalen Buchhandlung selten im Regal. Brills Käufer sind wissenschaftliche Institute, Seminare, Bibliotheken weltweit und Experten zwischen Berkeley und Berlin, die wissen wollen, was die jeweils Besten ihres Faches an neuester Forschung zu bieten haben. Experten vor allem auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften – Orientalisten und Philologen, Historiker und Religionswissenschaftler, Theologen und Judaistik-Spezialisten. Weil die Produkte von Brill für diese erlauchte Gesellschaft zu den wichtigsten wissenschaftlichen Kommunikationsmitteln zählen, kann Elisabeth Venekamp sagen: „Das Produkt darf teuer sein, solange die Qualität einwandfrei ist.“ Und das ist sie unbestritten seit über dreihundert Jahren.

Die Gründung des Verlags im Jahre 1683 fiel in ein Jahrhundert, das in den Niederlanden „das goldene“ heißt. Die Universität von Leiden, 1575 noch während des Unabhängigkeitskrieges gegen Spanien gegründet, war zum wissenschaftlichen Zentrum Europas geworden. Die Meister der schwarzen Kunst wie die Elzeviers und Plantijn ließen sich hier nicht nur nieder, weil die holländischen Kaufleute die Freiheit der Meere als die Grundlage ihres Reichtums verteidigten. Sie gewährten in ihrem Land auch ein Maß an Toleranz und Gedankenfreiheit, das um diese Zeit sonst nirgendwo auf dem Kontinent zu finden war. Descartes „Discours de la methode“, von der Gralshütern traditioneller Wissenschaftlichkeit als Teufelswerk geschmäht, erschien 1637 in Leiden. Die enge Zusammenarbeit zwischen der Universität und dem Druckhaus Brill wurde im 18. Jahrhundert mit dem ehrenvollen Titel „academiedrucker“ belohnt.

Von der exzellenten Druckerei, wo Texte in allen Sprachen – ob in Hieroglyphen, Aramäisch oder Japanisch – gesetzt wurden, trennte sich Brill 1989. (Sechs Monate nachdem die Konkurrenz, die Oxford University Press, ihre Druckerei aufgegeben hatte.) Heute werden Brills Bücher in Manila gesetzt. Dort kostet eine Seite zehn statt der sechzig Mark in den Niederlanden. Um die teure holländische Post zu umgehen, werden Briefe und Kataloge versandfertig in Leiden in einem Container verstaut, nach London transportiert und von dort in alle Welt geschickt. Hunderttausend Namen umfaßt die Adressenkartei. Jeder, der bei Brill einmal Kunde war, wird nach seinen persönlichen Interessen betreut.

Die Zeiten, als viele Brill-Bücher deutsche Texte enthielten, sind vorbei. Achtzig bis neunzig Prozent erscheinen in englischer Sprache, die restlichen in Deutsch und Französisch. Übersetzungen werden grundsätzlich nicht gemacht. Und weil selbst bedeutende Institute mit Bucheinkäufen knauserig werden, lockt der Verlag, der Niederlassungen in London, New York und Köln hat, mit neuen (preisgünstigeren) wissenschaftlichen Zeitschriften.

Demnächst wird zum Beispiel Dead Sea Discoveries erscheinen, eine Zeitschrift, die laufend über die Forschungsergebnisse bei den heißumstrittenen Qumran-Funden informieren soll. An schreibenden Wissenschaftlern von Rang ist kein Mangel, auch wenn dieser Verlag keine Honorare zahlt. Bei E. J. Brill in Leiden genügt die Ehre.

Barbara Beuys