Von Christof Siemes

Der Bravour-Arier". Bierbeglänzt. "Eier machen sinnlich!" – "Na, da gib Papa noch ein Soolei!" Was das ist? Tucholsky als Kaufmann, ein bißchen Soll und Haben aus einer wüsten Bilanz mehrerer Jahre im Wortgeschäft. Was das soll? Der erste und unerreichte Fachverkäufer im literarisch-gelehrten Kramladen, Georg Christoph Lichtenberg, klärt auf: "Die Kaufleute haben ihr Waste book (Sucelbuch glaube ich im Deutschen), darin tragen sie von Tag zu Tag alles ein, was sie verkaufen und kaufen, alles durch einander ohne Ordnung. Dieses verdient von den Gelehrten nachgeahmt zu werden." Lichtenberg schwor zeitlebens auf die Effektivität der Sudelei: "Schmierbuch-Methode bestens zu empfehlen. Keine Wendung, keinen Ausdruck unaufgeschrieben lassen. Reichtum erwirbt man sich auch durch Ersparung der Pfennigs-Wahrheiten."

Kurt Tucholsky war ein verständiger Lehrling der Lichtenbergschen Buchhaltung. Freilich ein nicht ganz so eifriger Sparer: Während es Lichtenberg auf fünfzehn Hefte mit mehreren tausend Posten brachte, hat Tucholsky zwischen Januar 1928 und seinem Freitod im Dezember 1935 nur ein "Sudelbuch" mit knapp achthundert Kleingeld-Wahrheiten gefüllt. Bislang ein wohlbehüteter Schatz, den Augen literarischer Buchprüfer sorgsam entzogen. Schon auf der ersten Seite der Kladde verfügte Tucholsky: "Dieses Buch soll nach meinem Tode meiner 2. Frau übergeben werden." Mary Gerold-Tucholsky fand die Sudeleien wohl zu intim und schloß sie weg. Erst jetzt, sechs Jahre nach ihrem Tod, gab die Tucholsky-Stiftung das Buch frei.

Eine Erstveröffentlichung also, knapp sechzig Jahre nach Tucholskys Tod, und dann kam man gleich dem Dichter bei der Arbeit zuschauen. Was fand der gnadenlos-großartige Kritiker, Satiriker und Hitler-Hasser aufhebenswert? Na, eben Bravour-Arier und Soleier. Anekdoten, Witze, oft genug Zotiges. Kleinanzeigen ("Junge energische Dame sucht Vertrauensstellung, oder leeres, sonniges Zimmer mit separatem Eingang") und Kalauer ("die blaue Bluse der Romantik"). Sprichwörter und ein baltisches Grogrezept: "Zucker kann. Wasser braucht nicht. Rum muß." Aber auch handwerkliche Überlegungen, oft unter dem Stichwort "Technik": "Das ‚Ich‘ des Erzählers stellenweise vergessen machen. Stellenweise – dadurch heben sich die anderen mehr heraus."

Die meisten Notizen sind Fragmente, oft nur einzelne Worte. Durchgeformtes, aphoristisch Zugespitztes findet sich kaum. Ein Sudelbuch im wahrsten Wortsinn: Die Veröffentlichung weist einige Leerstellen auf, weil Tucholskys Handschrift selbst für die Experten unleserlich blieb. Eine literarische Sensation ist das Bändchen nicht; viele der Bruchstücke hat Tucholsky in den veröffentlichten Texten verwendet, vor allem in den "Schnipseln" aus der Weltbühne. Und dieser "ausgeschriebene" Tucholsky ist dann doch meist lesenswerter; das Sudel-Stenogramm ist eher für die peniblen Buchhalter von Leben und Werk. In einigen ebenso lakonischen wie apodiktischen Sätzen ist der visionäre Zeitkritiker Tucholsky allerdings ganz da: "Der Sozialismus wird erst siegen, wenn es ihn nicht mehr gibt."

Auf den letzten Seiten schließlich wird aus dem manchmal belanglosen "Sudelbuch" eine erschütternde Lebensbilanz. Impressionen aus Krankenhäusern (zwischen 1933 und 1935 mußte Tucholsky sich sieben schweren Operationen unterziehen), die Isolation unter den anderen Hitler-Gegnern im Exil ("Die Gegner meiner Feinde sind nicht meine Freunde"), Überlegungen zum Selbstmord. Den letzten Worthandel, den das "Sudelbuch" verzeichnet, machte Tucholsky mit Fontane:

Lirum, larum, Löffelstiel,

Alles in allem: es war nicht viel.

Die Summe zu ziehen bleibt einer – bereits anderweitig veröffentlichten – Zeichnung vorbehalten. Das Leben – eine Treppe mit drei Stufen: Sprechen, Schreiben, Schweigen.

  • Kurt Tucholsky:

Sudelbuch

Rowohlt Verlag, Reinbek 1993; 95 S., 28,– DM