Was die Zukunft bringt“, schreibt William Carr im Vorwort zur vierten, Auflage sei– nes Buches, „kann niemand vorhersagen. Mit einiger Sicherheit aber kann man zu diesem Zeitpunkt feststellen, daß das Deutschland von 1990 weder in seiner Erscheinung, in seiner gesellschaftlichen Struktur noch in seiner geographischen Ausdehnung dem alten Deutschen Reich von 1871 ähnlich ist, dessen Geist immer noch in der Weimarer Zeit und schließlich in der Zeit Hitlers wirksam war. Wie erfolgreich Deutschland sein wird, seinen richtigen Platz in der Konstellation der Welt von heute zu finden, daran wird sich entscheiden, ob die deutsche Frage ein für alle Mal gelöst ist.“ Das ist das Fazit, das der britische Historiker nach jahrzehntelangen Forschungen zur deutschen Geschichte zog.

William Carr starb am 20. Juni 1991 im Alter von siebzig Jahren. Die erste Auflage dieses Buchs erschien – mit dem Untertitel „1815-1945“ – bereits 1969. In einem Nachruf in der Zeitschrift German History erinnerte Ian Kershaw daran, daß Generationen englischer Studierender über diese exemplarische Darstellung an die deutsche Geschichte herangeführt worden seien. Eine vergleichbare, ebenso nüchtern wie kritisch und doch irgendwie „konventionell“ geschriebene politische Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert gibt es in deutscher Sprache nicht. Es dürfte auch schwerfallen, diese undramatische Art, Geschichte zu schreiben, die aus dem Pragmatismus britischer Geschichtsschreibung erwuchs, ohne weiteres zu adaptieren.

Das Buch ist bis heute nicht ins Deutsche: übersetzt. Vielleicht wird sich für die jetzige vierte Auflage ein interessierter Verlag finden.

Wilhelm Ribhegge

  • William Carr:

A History of Germany 1815-1990

Fourth Edition; Edward Arnold, London 1992; 448 S., 12,99 £