Lena auf dem Dach des Gartenhauses setzt ein Signal - so wird es später eine Sozialarbeiterin analysieren. Was Lena wirklich auf das Dach treibt, ist handfester: Sie will die Scheidung ihrer Eltern verhindern. Der Versuch scheitert. Peter Härtlings neuer Kinderroman erzählt vertrauten Alltag: elterlicher Zank, Entfremdung, Protest, juristische Auseinandersetzung, Umzug, Neubeginn. Und noch deutlicher als in seinem vorletzten Kinderbuch "Fränze" geht es dem Autor - gemeinsam mit seinen kindlichen Helden um Anklage: gegen das Versagen der Eltern. Das Familienleben gehört offensichtlich zu den Obsessionen Peter Härtlings, die ihn als Autor kreativ werden lassen, ob als autobiographische Erinnerung oder als Schlüsselerlebnis seiner Schriftsteller- und Komponistenportraits. Während jedoch seine Romane oder Biographien für Erwachsene ihre psychologische Spannung aus der Morbidität, dem unauflöslichen Ineinander von Belohnung und Strafe der Institution Familie schöpfen, bewahren seine Kinderbücher das schöne Wunschbild der heilen Familie. Vergeblich sucht man hier nach Doppelbödigkeit, nach authentischer Brutalität der Nähe, nach der Poesie des Scheiterns. Statt dessen: die Moralität aufklärerischer Jugendliteratur.

Leid entsteht, wenn die Familie fehlt oder zerfällt. Im Umkehrschluß scheint Kinderglück nur innerhalb intakter Familienbeziehungen möglich. Wo Glück zerbricht, sucht Härtung für seine verlassenen Kinder Bezugspersonen, die außerhalb stehen. In früheren Büchern wie "Jakob hinter der blauen Tür", "Oma" und "Theo haut ab" waren dies vor allem alte Menschen oder Vertreter berufsmäßiger Zuwendung wie Sozialarbeiter und Psychologen. Offenbar traut Härtung nun auch ihnen keine heilenden Kräfte mehr zu.

Diesmal ist es also Tante Cora, unverheiratet, mit Kerl Karl zusammenlebend, die ein Szenelokal in Hamburg betreibt. Und für ein paar Ferientage vergißt Lena alle Scheidungsängste, spürt, daß sich Glück auch jenseits vom Vater MutterKind Modell leben läßt. Warum also nur von Verlust schreiben, wenn man es besser weiß, wenn man - wie der Romanautor Peter Härtling - die quälende Macht von Familie mit größter Intensität beschrieben hat?

In den letzten fünf Jahren gelang es Autorinnen wie Dagmar Chidolue oder Mirjam Pressler - analog zur Kinderliteratur der USA und Skandinaviens - Kinderpersönlichkeiten zu beschreiben, die auch mit alleinerziehenden Müttern und Vätern zu sich finden, glücklich, ohne jedes larmoyante "trotzdem". Und, ohne zynisch zu werden, in einem Land, in dem schon jetzt mit steigender Tendenz jede dritte Ehe geschieden wird, darf dies als Einbruch der Wirklichkeit in die Kinderliteratur begrüßt werden.

Peter Härtling muß sich fragen, ob er mit seinem Familienmodell, das für einen sehr großen Teil der Bevölkerung nicht mehr zutrifft, weniger zum Anwalt der Kinder als zum Beschwörer eines unerfüllbaren Ideals wird. Will der beste deutschsprachige Autor, der für Kinder schreibt, sein moralisches Programm engagierter Literatur beibehalten, so muß er glaubhaft sein.

Beltz Verlag, Weinheim 1993; 132 S, 22 DM