Wie lebt es sich als Frau mit einem Leutnant, der die Flitterwochen damit verbringt, im Hotelzimmer den lautlosen Angriff zu üben, der sich in voller Montur, ein Obstmesser zwischen den Zähnen, im Schrank versteckt und beim gemeinsamen Strandspaziergang mit der Maschinenpistole Flamingos niedermäht?

"Nichts lag mir ferner als die Absicht, Mißsstimmung zu erregen", antwortet die Leutnantsgäattin der "Autorin", die in Lidia Jorges Roman, zwanzig Jahre nach Beendigung des portugiesischen Kolonialkriegs, versucht, jene Zeit aus der Sicht einer Frau zu rekonstruieren. Kein Wunder, daß Eva Lopo, so heißt die Braut, die ihren Luis Alex nach Mosambik begleitete, damals so zurückhaltend reagierte: sollte ihr Leutnant doch wenige Tage nach der Fronthochzeit zum finalen Rettungsschlag gegen die "aufständigen Neger" in den Busch abkommandiert werden.

Noch heute wird Eva Lopo nicht gern an jene Zeit erinnert. Doch die "Autorin" läßt nicht lokker, beharrlich kreist sie die Wahrheit ein. Welche Wahrheit? Wie konnte sie, Eva Lopo, in einem Mann, der freiwillig die Uniform anzog, den die Kriegsverletzungen seines Kompaniechefs mehr erregten als eine schöne Frau, der nach einem Jahr Dienst in Afrika behauptet: "Ich habe zu mir gefunden" und sich im russischen Roulett selbst aus dem Leben schoß, wie konnte sie in diesem Mann noch immer den strebsamen Lissabonner Mathematikstudenten erkennen und lieben? "Warum beharren Sie so sehr auf der Frage, aus welchem Stoff tatsächlich Helden sind?" fragt Eva Lopo zurück. Nach und nach erzählt sie immer mehr Einzelheiten über die Gefühle einer Frau an der Seite eines Offiziers. Eva ist nicht wie die Frauen, "denen es sehr gut geht, wenn die Männer in den Krieg ziehen", dennoch offenbart sie in ihrem Harmoniebedürfnis, ihrem Schweigen, ihrer Traurigkeit "eine friedliche Art des Ausweichens vor jeglichem Engagement".

Der "Bericht", den die "Autorin" verfaßt, liest sich teilweise wie das Transkript eines KlientenInterviews aus einer psychologischen Studie über Frauen- und Männerphantasien im Krieg. Das ist die Schwäche und Stärke des Buches: Literarisch wirkt die Abstraktion dritten Grades - Lidia Jörge schreibt einen Roman, der sich als "Bericht" ausgibt, der wiederum auf einem fiktiven Interview beruht - wie ein angestrengter Versuch künstlerischer Verdichtung ("Synthese so vieler Leute") mit mythologischer Verbrämung (Frau Hauptmann als schöne Helena von Troja). Psychologisch macht die Distanzierung und meist nüchterne, emotionslose Art des mündlichen Vortrags - ihren Mann Luis nennt Eva Lopo immer nur den "Bräutigam", von sich selbst spricht sie in der dritten Person - die Abspaltung und Verdrängung traumatischer Kriegserlebnisse, die schuldlos schuldige Beteiligung der Angehörigen an Kriegsverbrechen um so sichtbarer.

amerikanische Mediziner ein Krankheitsbild, das sie bei Veteranen des Vietnamkriegs diagnostizierten. Auch in Portugal sind noch heute, zwanzig Jähre riach Ende des Kolonialkriegs, ehemalige Soldaten und Offiziere in psychiatrischer Behandlung.

Der damals in Angola stationierte Militärarzt Antonio Lobo Antunes hatte in seinem 1979 in Lissabon erschienenen Roman "Os Cus de Judas" (deutsch: "Der Judaskuß", 1987) als einer der ersten portugiesischen Autoren die zu Tausenden in Afrika gefallenen Soldaten ins öffentliche Bewußtsein gehoben, als einer der ersten gegen das Schweigen und die Vergangenheitsverleugnung angeschrieben. Lidia Jörge ist die weibliehe Ergänzung zu Antonio Lobo Antunes. Marschierte Antunes eher wütend und nicht ohne Selbstmitleid durch sein Romangestrüpp, so hält sich Lidia Jörge - die selbst als Frau eines Offiziers in Afrika gelebt hat - an der "Küste des Raunens" im Hintergrund und füllt die Leerstellen der Vergangenheitsbewältigung auf mit den Traumata derer, die damit leben müssen, daß ihre Männer, Söhne und Väter mit aufgespießten Köpfen von Schwarzen für das Familienalbum posierten und nicht nur als Opfer zu beklagen, sondern auch anzuklagen sind als Täter.

Roman; aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder Schreiner; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1993, 272 S, 38- DM