Als Ramses, das schwarze Kätzchen, noch lebte, beschwerten sich Besucher des Hauses, wenn sie wieder daheim waren, gelegentlich über die mitgenommene Flohplage. Vor allem Besucherinnen waren wütend über nähmaschinenhafte Einstiche quer über den Bauch und an den unsäglichsten Stellen. Der beschimpfte Hausherr pflegte Ramses dann ein neues Flohhalsband zu kaufen und der Klagen der Leidenden nicht weiter zu achten.

Nun aber hat Ramses sein sechzehnjähriges Leben ausgehaucht, liegt längst unter dem Kirschbaum begraben. Trotzdem entdeckte sein ihm nachtrauernder Besitzer kürzlich bei seiner abendlichen Lektüre zwei Flöhe. Sie hüpften auf den hellen Seiten eines Buches herum. In seinem Bett! Aber sie stachen und belästigten ihn nicht weiter. Einen der frechen Flöhe fing er. Unter der Lupe erwies sich das Insekt als gepanzertes Sprungtier von krebsähnlichem Aussehen. Daß dieser Blutsauger damals die Pest übertragen hat, na klar. Das Lexikon zeigt ihn übergroß, unappetitlich, und weist im übrigen seine in Europa lebenden achtzig Arten als Überträger von Malaria und Fleckfieber aus. Sie leben, sagt das Lexikon, zwei Jahre, „in Hungerzeiten über ein Jahr“, und legen jeweils „einige hundert Eier ab“.

Als sich nach diesem Vorfall eine liebe Bekannte am Telephon meldete, um voller Empörung anzukündigen, sie werde das ungastliche Flohhaus nicht mehr betreten, wurde es dem Hausherrn mulmig. Er startete einen Rundspruch, und siehe da, von 23 Besuchern der letzten zwei Monate waren sieben mit Flöhen heimgegangen. Dreißig Prozent! Mit bitterem Vorwurf in der Stimme gaben sie zu verstehen, dieser oder jener Raum in dem alten Haus gehöre mal gründlich geputzt. Auch seien der Spinnweben zu viele. Unter diesen Umständen könne man den Hausherrn vorerst wohl nicht mehr besuchen.

Ein Hauch von sozialer Ächtung umfing den Verdutzten. Du in deinem Schweinestall! Er fühlte, wie die Liebe zu seinem toten Kätzchen nachzulassen begann.

In Drogerien und Zoohandlungen trug er sein Flohproblem an Verkäuferinnen heran, die vor Eifer bibberten. In einem Alternativladen empfahl eine im Umgang mit Flöhen erfahrene Kraft, ein weißes Laken auszubreiten, es stark zu beleuchten und dann auf die Flöhe zu warten. Kämen sie, könne man sie „erschlagen“. Eine andere Fachfrau zog ein Fangen mit Klebestreifen vor. Der nächste Ratschlag: Einen weißen Teller mit Wasser füllen und eine Kerze hineinstellen. Dann ersaufen sie. Das klappte aber nur zum Teil. Der angelockte Floh hüpfte glatt von der Wasseroberfläche – er floh. Ein Drogist mit dröhnender Stimme: Ja, die haben jetzt Hunger, wo die Katz’ tot ist, da hilft nur ein starkes Mittel. Und er bot Chemie in Spraydosen an.

Im Öko-Haus empfahl man „Pistal“, einen afrikanischen Pflanzenextrakt. Der Befallene in seiner Sorge, fürderhin von aller Welt gemieden zu werden, entschied sich für ein Mittel namens „Hexavetyl“ – dreißig Milliliter in drei Liter Wasser aufzulösen und dann mit der Spritzflasche zu versprühen. Die Verkäuferin in der Zoohandlung schwor darauf. Sie mache das alle zwei Jahre, und es sei „absolut ungefährlich“. Die Flöhe aber, ihre Larven und Eier, seien tot – wenn man die Spritzung nach drei Tagen wiederhole. Es ist eine Kunst, genau so viel zu spritzen, daß die Flöhe totgehen, der Mensch aber nicht.

Vier Tage lang schuftete der Besitzer des blutgierigen Flohzirkus, stopfte alles Textile in die Waschmaschine, sprühte, ließ einwirken, saugte Staub, wischte. Drei Besucher, darunter ein äußerst flohempfindliches, mehrfach gestochenes Psychoanalytiker-Ehepaar, boten sich als Testpersonen an. Wahre Freunde. Sie kamen, wie sich herausstellen sollte, ohne Flöhe nach Haus. Der Heimgesuchte kann seither wieder unbeschwert um Ramses trauern. Hanno Kühnert