Von Bernd Nitzschke Die Quizfrage der antiken Tragödie, die auffordert, das Eigene im Angesicht des Fremden zu erkennen, lautete: Wer bin ich? Freud suchte für unser Jahrhundert eine Antwort auf diese Frage - und seither wächst die Flut der Bücher, die an die Stelle der antiken eine neu formulierte Frage stellen: Wer war Freud? War er ein "Scharlatan" oder ein "Genie", ein unerbittlicher Wahrheitssucher oder ein machthungriger Konquistador? Gründete er eine Sekte? Oder erfand er eine neuartige Wissenschaft? Freud selbst betrachtete die Psychoanalyse als sein Werk, auf das er manchmal wohlgefällig, häufig skeptisch, immer aber stolz blickte. Und er meinte, es sei der Übergang von der hypnotischen Ausforschung des Patienten zur Methode der freien Assoziation, also der Wechsel von der passiven Exploration zur aktiven Selbstexploration jener "fremden" Bezirke des eigenen Seelenlebens gewesen, durch den sich die Geburt der Psychoanalyse am besten kennzeichnen lasse. Doch je genauer die inzwischen vielfältig freigelegten Wurzeln des Freudschen Denkens zu erkennen sind, desto komplexer erscheint sein Werk, die Psychoanalyse; desto schwerer fällt es, sie ein- B, deutig zu bestimmen.

Freud, der Neuropathologe, der sich mit Gehirnschnitten, Kinderlähmung oder mit Sprachstörungen beschäftigt hatte, war eben doch derselbe Forscher, der sich später dem weniger Handgreiflichen, dem bis dahin (und vielleicht noch immer?) "wissenschaftlich" Un(be)greifbaren, den Phantasien, Träumen, Wünschen zuwandte.

Die 1891 publizierte und jetzt, hundert Jahre später, wieder aufgelegte Abhandlung Freuds schig das vermeintlich "nur" neurologische mit dem späteren, scheinbar "rein" psychoanalytischen Werk verwoben ist (Aphasie: Verlust des SprechVermögens). Informativ eingeleitet und durch Fußnoten gut kommentiert, verdeutlicht der Text analoge Denkstrukturen und eine Bildersprache des "Naturwissenschaftlers" Freud, die sich auch beim späteren "Psychoanalytiker" Freud wiederfindet. Es waren aus der zeitgenössischen (Neuro )Physiologie oder (Neuro )Anatomie übernommene Vor Bilder, die in den psychoanalytischen Texten als Metaphern wiederkehren. So übernimmt Freud etwa das Bild vom "protoplasmatischen Wesen", das Meynert auf die Hirnrinde bezogen hatte, für spätere libidotheoretische Veranschaulichungen.

Wenn der dynamische Zusammenhang von Progression und Regression, Symptom und Trauma erkannt ist, gewinnt das scheinbar Sinnlose Sinn, wird die Bedeutung des Symptoms verständlich. Auch diese psychoanalytische Denkfigur hat Vorläufer - etwa bei Hughlings Jackson, der Freud inspirierte. Im Blick auf aphasische Störungen hatte Jackson nämlich vermutet, die Bedeutung des durch die Störung sinnlos gewordenen Sprechens ließe sich erkennen, sobald man an den Beginn der Störung zurückkehre, den ursprünglich gesprochenen Kontext rekonstruiere. Der faustische Erkenntnisdrang - zurück zu den Müttern! - wird so zum Programm der psychoanalytischen Forschung und Heilung: durch Regression zur Progression!

Fortschritt und Rückschritt, Aktion und Reaktion konstituieren aber nicht nur im individuellen, sondern auch im überindividuellen Sinn einen Zusammenhang, eine rekonstruierbare Historie oder doch wenigstens eine nacherzählbare Geschichte. Als Kritiker analysiert Freud den Prozeß der Zivilisation und den in diesen Prozeß eingeschweißten Zwang zur Regression, dem er ein Recht auf Verständnis einräumt. Als aufgeklärter Vertreter des Fortschritts weiß Freud nämlich, daß die selbstgerechte Geste, die bloße Verurteilung keine Wunden heilt, sie allenfalls zum Schwären bringt. Verständnis allein könnte die Macht des Wiederholungszwanges brechen, im Freudschen Sinne "heilen". Also gehört Freud nicht zu jenen blindwütig selbstgerechten Ideologen des Fortschritts, die die Maske der Humanität nur zur Tarnung ihrer eigenen mörderischen Impulse nutzen, um gegebenenfalls, "gerechtfertigten" Falls, mit der Guillotine zu drohen oder - neuerdings wieder mit dem Laternenpfahl zu winken.

"Die Feindschaft der Deutschen gegen die Aufklärung" - so ist ein Aphorismus Nietzsches überschrieben, den Thomas Mann zum Ausgangspunkt seiner Reflexionen über "Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte" wählte. Mann hielt diesen Vortrag 1926 im Auditorium maximum der Münchner Universität anläßlich des 70. Geburtstags Freuds. Nietzsche skizzierte - und Mann zitierte - jene Dialektik, durch die der "Kultus der Vernunft" (Aufklärung) mit dem "Kultus des Gefühls" (Romantik) verbunden bleibt. Erst wenn sich der Gedanke und das öefühl gegeneinander verselbständigen, werden sie einander fremd.

HMHHHIHH Aufklärung, wie Schopenhauer, Nietzsche und Freud sie verstanden, bemüht sich hingegen um die Rekonstruktion eines nicht nur gedanklich, nicht nur abstrakt, sondern auch als Erfahrungs___ tatsache, als Erleben vermittelbaren Wissens von der Einheit der Vernunft mit dem "Trieb". In diesem Sinne erkannte Thomas Mann in Freud einen Aufklärer, den er in eine romantische Tradition einzuordnen verstand. Freud fand an derlei Einreihung allerdings nur zögernd Gefallen. An Lou Andreas Salome schrieb er, Mann habe wohl "einen Aufsatz über die Romantik" aus der Schublade gezogen, "als die Aufforderung kam, über mich zu schreiben, und so hat er diesen halben Aufsatz vorne und rückwärts mit Psychoanalyse fourniert".