Von Bernd Nitzschke Die Quizfrage der antiken Tragödie, die auffordert, das Eigene im Angesicht des Fremden zu erkennen, lautete: Wer bin ich? Freud suchte für unser Jahrhundert eine Antwort auf diese Frage - und seither wächst die Flut der Bücher, die an die Stelle der antiken eine neu formulierte Frage stellen: Wer war Freud? War er ein "Scharlatan" oder ein "Genie", ein unerbittlicher Wahrheitssucher oder ein machthungriger Konquistador? Gründete er eine Sekte? Oder erfand er eine neuartige Wissenschaft? Freud selbst betrachtete die Psychoanalyse als sein Werk, auf das er manchmal wohlgefällig, häufig skeptisch, immer aber stolz blickte. Und er meinte, es sei der Übergang von der hypnotischen Ausforschung des Patienten zur Methode der freien Assoziation, also der Wechsel von der passiven Exploration zur aktiven Selbstexploration jener "fremden" Bezirke des eigenen Seelenlebens gewesen, durch den sich die Geburt der Psychoanalyse am besten kennzeichnen lasse. Doch je genauer die inzwischen vielfältig freigelegten Wurzeln des Freudschen Denkens zu erkennen sind, desto komplexer erscheint sein Werk, die Psychoanalyse; desto schwerer fällt es, sie ein- B, deutig zu bestimmen.

Freud, der Neuropathologe, der sich mit Gehirnschnitten, Kinderlähmung oder mit Sprachstörungen beschäftigt hatte, war eben doch derselbe Forscher, der sich später dem weniger Handgreiflichen, dem bis dahin (und vielleicht noch immer?) "wissenschaftlich" Un(be)greifbaren, den Phantasien, Träumen, Wünschen zuwandte.

Die 1891 publizierte und jetzt, hundert Jahre später, wieder aufgelegte Abhandlung Freuds schig das vermeintlich "nur" neurologische mit dem späteren, scheinbar "rein" psychoanalytischen Werk verwoben ist (Aphasie: Verlust des SprechVermögens). Informativ eingeleitet und durch Fußnoten gut kommentiert, verdeutlicht der Text analoge Denkstrukturen und eine Bildersprache des "Naturwissenschaftlers" Freud, die sich auch beim späteren "Psychoanalytiker" Freud wiederfindet. Es waren aus der zeitgenössischen (Neuro )Physiologie oder (Neuro )Anatomie übernommene Vor Bilder, die in den psychoanalytischen Texten als Metaphern wiederkehren. So übernimmt Freud etwa das Bild vom "protoplasmatischen Wesen", das Meynert auf die Hirnrinde bezogen hatte, für spätere libidotheoretische Veranschaulichungen.

Wenn der dynamische Zusammenhang von Progression und Regression, Symptom und Trauma erkannt ist, gewinnt das scheinbar Sinnlose Sinn, wird die Bedeutung des Symptoms verständlich. Auch diese psychoanalytische Denkfigur hat Vorläufer - etwa bei Hughlings Jackson, der Freud inspirierte. Im Blick auf aphasische Störungen hatte Jackson nämlich vermutet, die Bedeutung des durch die Störung sinnlos gewordenen Sprechens ließe sich erkennen, sobald man an den Beginn der Störung zurückkehre, den ursprünglich gesprochenen Kontext rekonstruiere. Der faustische Erkenntnisdrang - zurück zu den Müttern! - wird so zum Programm der psychoanalytischen Forschung und Heilung: durch Regression zur Progression!

Fortschritt und Rückschritt, Aktion und Reaktion konstituieren aber nicht nur im individuellen, sondern auch im überindividuellen Sinn einen Zusammenhang, eine rekonstruierbare Historie oder doch wenigstens eine nacherzählbare Geschichte. Als Kritiker analysiert Freud den Prozeß der Zivilisation und den in diesen Prozeß eingeschweißten Zwang zur Regression, dem er ein Recht auf Verständnis einräumt. Als aufgeklärter Vertreter des Fortschritts weiß Freud nämlich, daß die selbstgerechte Geste, die bloße Verurteilung keine Wunden heilt, sie allenfalls zum Schwären bringt. Verständnis allein könnte die Macht des Wiederholungszwanges brechen, im Freudschen Sinne "heilen". Also gehört Freud nicht zu jenen blindwütig selbstgerechten Ideologen des Fortschritts, die die Maske der Humanität nur zur Tarnung ihrer eigenen mörderischen Impulse nutzen, um gegebenenfalls, "gerechtfertigten" Falls, mit der Guillotine zu drohen oder - neuerdings wieder mit dem Laternenpfahl zu winken.

"Die Feindschaft der Deutschen gegen die Aufklärung" - so ist ein Aphorismus Nietzsches überschrieben, den Thomas Mann zum Ausgangspunkt seiner Reflexionen über "Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte" wählte. Mann hielt diesen Vortrag 1926 im Auditorium maximum der Münchner Universität anläßlich des 70. Geburtstags Freuds. Nietzsche skizzierte - und Mann zitierte - jene Dialektik, durch die der "Kultus der Vernunft" (Aufklärung) mit dem "Kultus des Gefühls" (Romantik) verbunden bleibt. Erst wenn sich der Gedanke und das öefühl gegeneinander verselbständigen, werden sie einander fremd.

HMHHHIHH Aufklärung, wie Schopenhauer, Nietzsche und Freud sie verstanden, bemüht sich hingegen um die Rekonstruktion eines nicht nur gedanklich, nicht nur abstrakt, sondern auch als Erfahrungs___ tatsache, als Erleben vermittelbaren Wissens von der Einheit der Vernunft mit dem "Trieb". In diesem Sinne erkannte Thomas Mann in Freud einen Aufklärer, den er in eine romantische Tradition einzuordnen verstand. Freud fand an derlei Einreihung allerdings nur zögernd Gefallen. An Lou Andreas Salome schrieb er, Mann habe wohl "einen Aufsatz über die Romantik" aus der Schublade gezogen, "als die Aufforderung kam, über mich zu schreiben, und so hat er diesen halben Aufsatz vorne und rückwärts mit Psychoanalyse fourniert".

Dieses Zitat findet sich neben anderen "Reden, Briefen, Notizen, Betrachtungen" in einem von ten Band, der auch Einblick in die wechselseitigen Bemühungen um Verehrung gewährt, denen sich Thomas Mann und Sigmund Freud mit einigem Erfolg unterzogen. Die zitierte Passage aus dem Brief an Lou endet demnach versöhnlich: "Immerhin, wenn Mann etwas sagt, hat es Hand und Es waren aber nicht nur Anhänger und Bewunderer oder Gegner und Schmähkritiker, es waren vor allem auch die Mitarbeiter ("Schüler") und die Patienten, in denen sich Freuds Persönlichkeit vielfältig spiegelte. Je mehr Informationen über diese beiden Gruppen bekanntwerden, um so vollständiger wird daher auch unser Freud Bild. Die Lebens- und Werkdaten sämtlicher Mitglieder der 1902 gegründeten und seit 1910 als Wiener Psychoanalytische Vereinigung firmierenden Runde um Freud recherchiert und in alphabetischer Reihenfolge - von Hans Abels bis Moshe Wulff - übersichtlich präsentiert zu haben, das ist eine Leistung, für die Elke Mühlleitner uneingeschränktes Lob verdient. Das von ihr (unter Mitarbeit von Johannes Reichmayr) vorgelegte "Biographische Lexikon der Psychoanalyse" wird wohl nicht nur wegen der aufgebrachten Sorgfalt und der Faktenfülle, sondern auch wegen des auf diese Weise rekonstruierten historischen Zusammenhangs der in Wien "geborenen" Psychoanalyse rasch zur Standardlektüre, zum unentbehrlichen Forschungsinstrument werden. Mag auch das Hier und Jetzt der Psychoanalyse ein vielfach verändertes Gesicht zeigen: Ohne das Dort und Damals ist es dennoch nicht zu verstehen.

Eine ähnliche Meister(innen)leistung stelt im Hinblick auf die Rekonstruktion der relevanten Daten zu Freuds Patienten freilich noch aus. Immerhin ist es Harry Strecken gelungen, das bisher publizierte Material zu Freuds Krankenbeiandlungen weitgehend zu sammeln und in einen in die Problematik einführenden Text zu integreren. Am spannendsten ist freilich das Schlußkapitel, in dem Strecken Freud als "Patienten" sichtbar werden läßt, als einen Mann, dessen Vater schwach, in wirtschaftlicher Hinsicht ein Versager war Der Sohn war deshalb zeitlebens auf der Suche nach einem anderen, nach einem starken Vater, nach Vor Bildern. Nach dem Scheitern zahlreicher Männerfreundschaften versuchte er schließlich, sich an den eigenen Haaren aus dem "Sumpf" einer wahrscheinlich ziemlich bedrückenden, einengenden, jedoch von Freud selbst nie analysierten Beziehung zur Mutter zu ziehen. Strecken deutet Freuds vielbelegte Haßliebe gegenüber der Mutter Stadt, also gegenüber Wien, im Sinne einer Verschiebung: Was der Mutter galt, wurde an der Stadt abgehandelt. So gelesen, erhellen Freuds zahlreiche Reisen und die immer neue zerknirscht reumütige Rückkehr ins "Gefängnis" Wien das Drama eines gefesselten Kindes. Am Ende seines Lebens war Freud zu seinem eigenen "Vater" geworden - und zu dem yieler anderer, die in ihm ihr Ideal erkannten, danach strebten, in seinem Geiste - und Freud im Geiste - weiterzuforschen. Diese von Beginn an hoch ambivalente Beziehung der Psychoanalytiker zu Freud, deren Haßliebe also, ist Gegenstand, aber auch Hintergrund eines Buches des Psychoanalytikers Helmut Junker, das "Von Freud in den Freudianern" handelt.

Dargestellt werden die Zwänge, die jene beherrschen, die in der Psychoanalyse ihr Heil suchen, Wissenschaft mit Religion, Wahrheitsliebe mit Vasallentreue und Freud mit einem Religionsstifter verwechsel(te)n. Solche Mißverständnisse paraphrasiert Junker sarkastisch: "Wo Ich war, soll Freud werden Immerhin: Freud selbst war die Identifikation mit einem Religionsstifter, mit dem Mann Moses, nicht fremd.

Die "Freudianer" müssen sich also mit dem verinnerlichten Bild eines Mannes auseinandersetzen, der sich selbst im Bilde zweier Findelkinder zu spiegeln wußte: Ödipus und Moses. Diese beiden mythischen Gestalten sind seither mit dem Mythos Freud verbunden. Beide Heroen waren Kaspar Hauser Figuren, in ihrer Kindheit ausgesetzt worden. Beide wurden zu mächtigen Herrschern, doch ihren Nachfolgern hinterließen sie erhebliche Lasten. Der eine, Ödipus, hinterließ seinem Geschlecht unmittelbar Schuld; der andere, Moses, bürdete seinen Nachfolgern ethisch hochstehende, jedoch kaum einzuhaltende Gebote auf, deren Übertretung neue Schuld verursacht. Kein Wunder, wenn Leben und Werk eines Mannes wie Freud Anlaß für zahlreiche Legeiden bieten. Junker ist derlei Gespinsten auf der Spur, zum Beispiel der Legende vom heroischen Fieud, der bei seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten seiner spöttischen Ironie schriftlich Ausdruck verliehen haben soll "Ich kann die Gestapo jedermann auf das beste empfehlen", soll Freud protokolliert haben.

So will es die Überlieferung, besser gesagt: So wollte der Sohn, Martin Freud, auf den die Überlieferung zurückgeht, seinen Vater sehen und gesehen wissen. Tatsächlich hatte der Vater eine von ihm geforderte Erklärung abgegeben, um nach den damals gültigen und demütigenden Bedingungen die Ausreisepapiere zu erhalten. Der Originaltext, den die Machthaber Freud zur Unterschrift vorgelegt hatten, lautete: "Ich bestitige gerne, dass bis heute den 4. Juni 1938, keinerlei Behelligung meiner Person oder meiner Hausgenossen vorgekommen ist. Behörden und Funktionäre der Partei sind mir und meinen Hausgenossen ständig korrekt und rücksichtsvoll entgegengetreten Einen Tag nach dieser Erklärung, am Sonntag, dem 5. Juni, durfte der kranke 82jährige Freud das besetzte Land verlassen. Nach der Abreise aus Wien schreibt er wehmütig: " man hat das Gefängnis, aus dem man entlassen wurde, immer noch sehr geliebt "

Legenden um Freud werden wohl auch in Zukunft kursieren, zumal es noch immer genügend Bedarf für Heroen gibt. Auch Peter Gay tradiert die Phrase vom die Gestapo ironisierenden Freud, weil sie so viel besser klingt als die harte Wirklichkeit eines von den Nationalsozialisten gedemütigten Freud. Im übrigen ist Gay ein Gelehrter und deshalb darum bemüht, die überlieferten Bilder von Freud neu zu entziffern. Materialreich, bis- MMM weilen ziemlich eitel und einigen Fällen auch nkraß fehlerhaft - so ließe sich Gays neues Werk charakterisieren.

Gays Behauptung, Freud habe "die Absurdität des christlichen Ge- __ bots der Nächstenliebe"

durch Hinweis auf eine Glosse Heinrich Heines sarkastisch kommentiert, zählt selbst zu den Absurditäten. Zwar kann man beim überzeugten Atheisten Freud eine ziemlich harsche Religionskritik nachlesen, doch den Gegenstand seiner Kritik kannte Freud - jedenfalls besser, als Gay ihn zu kennen scheint. Freud wußte also, daß das vermeintlich christliche Gebot der Nächstenliebe "gewiß älter als das Christentum", nämlich alttestamentlichen Ursprungs (3. Moses 19, 18) ist. Es war die Steigerung dieses Gebotes, also die Aufforderung, nicht nur den anderen, den Fremden, sondern sogar den Feind zu lieben, die Freuds Kritik herausgefordert hatte. Das Ethos sei zwar anzuerkennen, doch fraglich bleibe, ob die psychischen Möglichkeiten des Menschen ausreichten, es zu erfüllen.

Das ist das Wahrhaftige an Freud: Weil er sich selbst nicht besser denken mußte, als er war, konnte er auch darauf verzichten, unerfüllbare Forderungen an andere Menschen zu richten. Die einzige Forderung, die er lebenslang an sich und andere stellte, hatte er aus der griechischen Antike übernommen: Erkenne dich selbst! Demnach wußte er, daß auch die Psychoanalyse die Menschen nicht besser machen kann, als sie sind. Auch in diesem Sinne war Freud ein faustischer Geist, wenngleich er - anders als Goethe - auf die letzte wunscherfüllende Illusion, auf die Errettung durch das "Ewigweibliche", verzichtete.

Die Psychoanalyse mache die Menschen nicht besser, sie mache sie einheitlicher, vollständiger, meinte Freud. Und ein vollständiger Mensch, das kann kein nur "guter" Mensch sein. Wer sich selbst erkennt, der sucht das Fremde, das Böse, das Hassenswerte nicht mehr in anderen, bemüht sich um die Versöhnung mit dem Fremden in sich - und mag damit ein Beispiel geben, an dem sich andere orientieren können. Das ist der bescheidene und begrenzte Beitrag, den die Freudsche Psychoanalyse zur Integration des Fremden leisten kann - weit weniger, als die meisten Sonntagsredner anzubieten haben, die den Haß, den sie vorgeblich besänftigen wollen, durch ihre unerfüllbaren Forderungen nur um so mehr schüren. In einem seiner früheren Bücher ("Ein gottloser Jude" - Sigmund Freuds Atheismus und die S Entwicklung der Psychoanalyse, 1988) hatte Peter l Gay eine zutreffende These formuliert. Sie lautet: £ "Wenn man die Psychoanalyse als jüdische Wis§ senschaft bezeichnet, begibt man sich in eine un| erwünschte Gesellschaft, einen widersprüchlichen 0 Bund von Juden, die Freud eifrig für sich in Ang sprach nehmen, und übelwollenden Nicht Juden, 1 die ihn nicht weniger eifrig herabsetzen " Obgleich Yosef Hayim Yerushalmi seinen Kontrahenten bevorzugt in Fußnoten verschwinden läßt, kann man sein soeben erschienenes Buch als Versuch verstehen, vor allem dieser These Gays zu widersprechen. Oberflächliches Ignorieren desjenigen, mit dem man sich hintergründig auseinandersetzt, gehört offensichtlich zum akademischen Handwerk. Gay verzichtet sogar ganz auf Fußnoten, wenn er sich mit seinem Intimfeind Peter Swales auseinandersetzt, den er niemals beim Namen nennt, auch wenn er der von Swales gestellten Frage nach möglichen außerehelichen Aktivitäten Freuds nachgeht (im Kapitel "Der Hund, der nachts nicht bellte").

Yerushalmi behauptet zu Beginn seiner Studie über "Freuds Moses", es gehe ihm nicht um den Nachweis, "daß die Psychoanalyse jüdisch ist". Am Ende seiner Ausführungen über Freuds jüdische Identität, die auch Gay nicht bezweifelt, zieht Yerushalmi dann aber doch das Fazit, die "Psychoanalyse sei gottloses Judentum". Da die vorletzten, die sich darum bemüht hatten, die Psychoanalyse als "jüdische"

Wissenschaft zu erweisen, die Nationalsozialisten waren, kommt es wohl auf jede Nuance an, sollen Mißverständnisse ausgeschlossen bleiben.

Gay hatte die Psychoanalyse als eine unifersalistisch orientierte Wissenschaft und Freud als einen Denker in der Tradition der Aufklärung, als einen Mann verstanden, der jedes religiöse und jedes nationale Vorurteil verurteilte. Viele Äußerungen Freuds, der die Psychoanalyse von "Weltanschauung" freizuhalten versuchte, geben Gay recht. Und doch gibt es auch Belege für Yerushalmis These. So sah Freud durchaus Affinitäten zwischen dem "Jüdischen" und dem "Psychoanaly Jtischen", aber eben nur in dem Maße, in dem beide Opfer von Vorurteilen waren und Bewegungen seien, die auch unliebsame Wahrheiten anerkennen.

Zu solchen Wahrheiten gehört auch die Tatsache, daß Freud - worauf Gay verweist - hin und wieder auch selbst dumpf von "Rasse" sprach, so dem um 1900 herrschenden Zeitgeist Tribut zollte. Ari KarrAbrähäin Schrieb eTzÜifl -Beispiel:"Seien Sie tolerant und vergessen Sie nicht, daß Sie es eigentlich leichter als Jung haben, meinen Gedanken zu folgen, denn erstens sind Sie völlig unabhängig, und dann stehen Sie meiner intellektuellen Konstitution durch Rassenverwandtschaft näher, während er als Christ und Pastorensohn nur gegen große innere Widerstände den Weg zu mir findet "

Freud wäre vielleicht mit Yerushalmis Formulierung, Psychoanalyse sei "gottloses Judentum", einverstanden gewesen, vorausgesetzt, Judentum würde als Synonym für Aufklärung und Umversalismus, als Ablehnung jedweden Vorurteils verstanden. Genausogut wäre die Psychoanalyse als Kritik jedweder Religion (also auch der jüdischen) zu verstehen. Die jüdische Religion galt Freud allenfalls als eine vergleichsweise fortschrittliche Variante, als ein notwendiger, jedoch noch immer zu überwindender Zwischenschritt auf dem langen Marsch durch die Institutionen menschlicher (Selbst )Versklavung.

Daß ein Jude die Psychoanalyse "erfunden" hatte, nicht ein guter und frommer Christ, darauf war der Schweizer Pastor Oskar Pfister von Freud schriftlich hingewiesen worden. Warum ein Jude? Warum versuchte Freud als Angehöriger einer Minderheit, die in besonderem Maße zum Opfer von Vorurteilen wurde, die Genese individueller und kollektiver Vorurteile und mörderischer Projektionen zu ergründen, anstatt so rasch wie möglich danach zu streben, selbst zum Täter ziu werden? Vielleicht war es eine besondere Form von Ohnmacht, die in Wien um 1900 der Macht des "Triebes", also der Gewalt des allmächtig erscheinenden Wiederholungszwanges, in den Arm fiel? Wie unerbittlich und anscheinend unauflösbar kollektive Vorurteile über Jahrhunderte hinweg Affekte binden um sie" bei gegebenen AiiläSsen wieder freizusetzen, wodurch Taten möglich werden, von denen "brave" Bürger in "normalen" schichte antisemitischer Mythen. Stefan Rrohrbacher und Michael Schmidt haben die Kulturgeschichte jener Phantasmen über Schacherer, Wucherer, Blutsauger, Satansdiener, Antichiristen, Gottes- und Ritualmörder nachgezeichnet. Es sind die religiösen, sozialen, politischem und ökonomischen, also die psychischen Krisem, die auf dem Weg in die Moderne immer wieder aufbrachen, den Haß gegen "die" Juden immer wieder wachriefen, mörderische Wut provoziierten. Da es Antisemitismus auch dort gibt, wo es keine Juden gibt, darf angenommen werden, das "Jüdische" sei ein Synonym für das Fremde geworden, dessen sich eine Gesellschaft auf dem Weg in die Entfremdung immer wieder mit falschen, mit mörderischen Mitteln zu entledigen suchte, anstatt zu versuchen, das Fremde im Eigenen zu entdecken und zu erlösen.

In zwei erstmals Mitte der siebziger Jahre erschienenen, jetzt neu aufgelegten Essays, von denen der eine - "Todestrieb, Ambivalenz, Narzißmus" - den Titel des Buches abgibt, versucht Kurt R. Eissler die Frage zu beantworten, warum der Fortschritt der Menschheit zu immer mehr Barbarei geführt hat. Eissler bezieht unterschiedliches Material, darunter auch biologische Theoreme, in seine Überlegungen ein. Wenn Fortschritt als Prozeß zunehmender Individualisierung und damit einer immer rigider werdenden Abgrenzung des Eigenen vom Fremden verstanden wird (wobei sich, auf einer anderen Ebene betrachtet, das Eigene als das Besondere doch auch immer mehr im Allgemeinen auflöst), stellt sich die Frage: Wie sehen die Bedingungen der Selbsterhaltung im Verlauf dieser Prozesses allgemeiner Ehtfremdüng aus?

Wenn das moderne Individuum ein (abgeschlossenes - im Unterschied zu einem offenen System präsentiert, dann wäre mit Eissler und unter Rückgriff auf das Konzept des Todestriebes anzunehmen, daß Selbsterhaltung unter solchen _MK__ i Bedingungen latent vom Umkippen in Selbstvernichtung bedroht ist. Die Fremdvernichtung wäre dann als ein scheinbarer Ausweg aus diesem Dilemma zu begreifen: Als könnten die modernen ___ Menschen nicht ohne Feinde auskommen; als brauchten sie den Fremden, den sie mit Worten oder Taten vernichten, um sich auf diese Weise selbst zu erhalten, um ihre eigene Identität in Abgrenzung vom Fremden überhaupt erst entwickeln und sodann behaupten zu können.

Eissler meint: "Damit ein Mensch fähig ist, kaltblütig zu töten - oder um überhaupt ein Mitgeschöpf töten zu können , muß das Ich eine beträchtliche Entwicklung erreicht haben. Es mag sein, daß der erste Mord eine große Entdeckung darstellte: solange der Mensch in seinem Mitmenschen nur ein Spiegelbild sah, war er unfähig, das zu töten, was schließlich sein eigenes Bild war " Man tötet immer nur sich selbst im anderen auch wenn man dies blind tut. Doch gerade diese Blindheit scheint eine notwendige Vorbedingung des modernen Selbst zu sein.

Eissler gehört zur Minderheit unter den Psychoanalytikern, die das Freudsche Konzept des Todestriebes noch zu nutzen verstehen. Er verweist in diesem Zusammenhang auch kurz auf die Versuche Feitelbergs und Bernfelds, auf einen Ansatz, der um 1930 zur Deutung des "Todestriebes" im Sinne der Entropie benutzt wurde. Ein ausführlicher Rückblick auf dieses fast vergessene Kapitel aus der Geschichte der Psychoanalyse, also auf die "Libidometrie", findet sich in dem von Karl Fallend und Johannes Reichmayr herausgegebenen und vorzüglich gestalteten Band über das Leben und Werk Siegfried Bernfelds. Bernfeld war einer der begabtesten und vielseitigsten Wissenschaftler, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu Freud stießen. Zuvor war er in der zionistischen Wiener Jugend engagiert, in der, dem Zeitgeist entsprechend, Gemeinschaftskult, Antiintellektualismus und die Ideologie des zu bearbeitenden Bodens, kurz jene "neuen Lebensformen im Sinne völkischer Vorstellungen" und im Sinne eines neuerwachten jüdischen Nationalismus, verbreitet waren. Dem tradierten "jüdischen Stereotyp sollte ein jüdischer Idealtypus entgegengestellt werden, der sich durch völkische Qualitäten auszeichnete", schreibt John Bunzl in seinem Beitrag über Bernfelds Phase des zionistischen Engagements.

Mit Beginn der zwanziger Jahre wurde Bern| feld zu einem überzeugten Sozialisten, der sich | aus der aktiven zionistischen Bewegung weitge| hend zurückzog. Zu dieser hatte allerdings immer | auch eine internationalistisch eingestellte Linke f gehört, die auch in der Kibbuz Bewegung eine £ maßgebliche Rolle spielen sollte. Bernfeld enga| giert sich jetzt in der Reformpädagogik. Seine l Beiträge über das Kinderheim Baumgarten beein"8 flussen die Kibbuz Erziehung in Palästina, aber | auch die "Antiautoritären" der sechziger Jahre in | der Bundesrepublik, die Bernfeld (neben A. S. § Neill) als eines ihrer Vorbilder auswählten. £ Eine der bedeutendsten Leistungen Bernfelds | bestand schließlich im Brückenschlag, den er zwi § sehen Psychoanalyse und akademischer Psycholo™ gie herzustellen verstand, und zwar auf einer intel| lektuellen Höhe, die bis zum heutigen Tage bei | manchen Vertretern beider Disziplinen Schwindel g, erregt. Gerhard Benetka schildert in seinem Bei" trag Bernfelds Begegnungen mit William Stern, dem Begründer des Hamburger Psychologischen Instituts, Bernfelds Gespräche im Kreisder Berliner Gestaltpsychologen Anfang der dreißiger Jahre, zu dem auch Kurt Lewin gehörte, und schließlich die Disfcussionsabende, an denen sich Psychoanalytiker mit Bühler Schülern in Wien trafen. So entsteht das Bild eines geistig regen, in der Haltung liberalen und in der Sache stets engagierten Bernfeld, der Mitte der dreißiger Jahre dem in Europa aufziehenden Terror den Rücken kehrt, um in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Dort angelangt, wird Bernfeld, der Wiener Freud Schüler, "nur" als Psychologe, als "Nicht"Arzt, als sogenannter "Laien" Analytiker wahrgenommen - und diskriminiert. Wie andere "Laien" Analytiker darf er jetzt nicht Mitglied der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung Wer deiiTdie"Mir Ärzte" irTirifen Reihten als offizielle Mitglieder duldet. In unehrenhafter Weise wird Bernfeld zum honory member dieser Gruppe ernannt - und ausgegrenzt. Freuds Engagement für die "Laien" Analytiker und gegen die "wilden", berufspolitisch agierenden Analytiker hatte in den USA keinen Er folg. Und das, obgleich die bittere Ironie Freuds das Problem so deutlich wie irgend möglich gemacht hatte: "Ich bin ein entschiedener Gegner der Laienanalyse, besonders der der Ärzte "

MB Zum Ende seines Lebens (er starb mit 55 Jahren) widmete sich Bernfeld gemeinsam mit seiner dritten Frau - Suzanne Cassirer Bernfeld, einer Nichte des Philosophen Ernst Cassirer - der Freud Biographik. Beide hinterlassen - zunächst vielleicht nur durch die Zeitumstände bedingt - lediglich "Bruchstücke", gründliche Studien zu Einzelaspekten des Freudschen Lebens und Werkes. Damit entgehen sie aber auch der Versuchung, eine scheinbar geschlossene Biographie zu verfassen.

So wird aus der Not eine Tugend: Denn die abgerundete Biographie, die den Bedingungen des modernen Lebens widerspricht, weil diese Bedingungen nur gebrochene Biographien zulassen, ist ein Wahn, eine Fiktion, die nur zustande kommen kann, wenn die Realität des Helden (Freud) mit viel eigener Phantasie vermischt, wenn die Biographie als Familienroman verfaßt wird. Der Versuchung zu solch einem Wahn sind die Herausgeber des hier besprochenen Buches glücklich entronnen. Auch sie legen nur "Bruchstücke" vor und belegen damit, daß sie ihrem Helden Bernfeld im besten Sinne nahestehen.

Der Versuchung, das Leben des Helden "geschlossener" erscheinen zu lassen, als es war, konnte auch Michael Molnar, Mitarbeiter des Londoner Freud Museums, ausweichen. Seine Kommentare zu Freuds "Kürzester Chronik", zu dessen telegrammstilartigen Tagebuchnotizen aus den Jahren 1929 bis 1939, stützen sich auf umfangreiche Literaturkenntnisse und die Nutzung zahlreicher unveröffentlichter Dokumente. Freuds als Faksimile auch deutsch in diesem empfehlenswerten Band abgedrucktes Tagebuch endet am Freitag, dem 25. August 1939, also wenige Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, mit dem Eintrag: "Kriegspanik". Der ansonsten vorerst leider nur in Englisch zu lesende Prachtband enthält auch zahlreiche bisher unbekannte Photos aus dem Familienalbum, darunter ein Bild, das Freud im Kreise seiner Mutter und Schwestern trauernd am Grab des Vaters zeigt.

Sigmund Freud:

Zur Auffassung der Aphasien Eine kritische Studie; herausgegeben von Paul Vogel; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992; 168 S , DM Thomas Mann:

Freud und die Psychoanalyse Reden, Briefe, Notizen, Betrachtungen; herausgegeben von Bernd Urban; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1991; 133 S , DM Elke Mühlleitner:

Biographisches Lexikon der Psychoanalyse Die Mitglieder der Psychologischen MittwochGesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902 1938; edition diskord, Tübingen 1992; 400 S, 74- DM Harry Strecken:

Freud und seine Patienten Aus dem Niederländischen von Dieter Becker; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992; 149 S, 16 80 DM Helmut Junker:

Von Freud in den Freudianern Essays; edition diskord, Tübingen 1991; 221 S, 33 DM Peter Gay:

Freud entziffern Essays; aus dem Amerikanischen von Elisabeth Vorspohl; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992; 272 S, 36 - DM Yosef Hayini Yerushalmi:

Freuds Moses Aus dem Amerikanischen von " Wölfgang Heußt Verlag Klaus Wageribäeh, Berlin 1992; 192 S, 39 80 DM Stefan RohrbacherMichael Schmidt:

Judenbilder Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile; Rowohlt Verlag, Reinbek 1991; 441 S, 26 80 DM Kurt R. Eissler:

Todestrieb, Ambivalenz, Narzißmus Aus dem Amerikanischen von Elke vom Scheidt und Karl Heinz Schütz; Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1992; 139 S , 14 80 DM Siegfried Bernfeld oder Die Grenzen der Psychoanalyse Materialien zu Leben und Werk; herausgegeben von Karl Fallend und Johannes Reichmayr; StroemfeldNexus, BaselFrankfurt am Main 1992; 368 S, 78DM The Diary of Sigmund Freud 1929 1939 A Record of the Final Decade; herausgegeben und kommentiert von Michael Molnar; The Hogarth Press, London 1992; 326 S , £