Damaskus

Isaak sitzt mit gebeugtem Rücken in einem ledernen Ohrensessel und liest Zeitung. Grelles Neonlicht dringt aus seinem Möbelgeschäft auf die enge, dunkle Gasse im jüdischen Viertel von Damaskus. Viele Geschäfte haben die Rolläden heruntergelassen – für immer.

Seit dem vergangenen Jahr gestattet Syriens Präsident Hafis el-Assad den Juden die Ausreise. Hunderte Familien sind bereits weggezogen, auch der Oberrabbiner „hält sich zur Zeit gerade nicht in der Stadt auf“. Nur knapp tausend Juden blieben zurück. Wie Isaak (Name von der Redaktion geändert) haben sich viele von ihnen vorsichtshalber ein Ausreisevisum in den Paß stempeln lassen. Doch erfolgreiche Geschäftsleute lassen ungern ihre Läden zurück; schon gar nicht wenn sie sehen, daß die ersten Auswanderer bereits wieder heimgekehrt sind. Sie haben das gelobte Land auch in Amerika nicht gefunden.

Seitdem sich Präsident Assad kritisch über das Abkommen zwischen der PLO und Israel geäußert hat, ist auch Isaak wieder verunsichert. Sollte er Syrien lieber verlassen, weil die Fronten sich erneut verhärten könnten? Verunsichert sind auch Zehntausende von Drusen. Nachdem Israel 1967 die Golanhöhen besetzt hatte, mußten sie fliehen. Heute leben sie in der Nähe des Flughafens von Damaskus. Ihr „Lager“ gleicht einem normalen, wenn auch ärmlichen Wohnviertel. Die Drusen möchten wissen, ob sie sich auch in Zukunft nur mit dem Megaphon mit ihren „Brüdern“ auf der anderen Seite des Stacheldrahts, im israelischen Besatzungsland, verständigen können. Werden ihre Familien weiterhin nur jährlich bei drei, vier Hochzeiten hüben oder drüben zusammentreffen? „Bald, sehr bald“ werde es Frieden geben, meinen einige zuversichtlich: „Wir wollen heim!“

Unmittelbar nach dem Handschlag zwischen Arafat und Rabin in Washington sah es danach in Syrien nicht aus. Hafis el-Assad war verärgert und verbittert über die Geheimverhandlungen von Oslo. Jibran Kourieh, Sprecher und Vertrauter des Präsidenten, verurteilt die Gespräche nach wie vor als „eine unwürdige Nacht-und-Nebel-Aktion“. Nie würde Syrien so verräterisch handeln.

Zwei Telephongespräche mit Präsident Bill Clinton und lobhudelnde Worte aus dem Mund des ägyptischen Staatschefs Hosni Mubarak haben den zaudernden „Löwen von Damaskus“ besänftigt. Von Freude über diesen Frieden, so heißt es im Präsidentenpalast, könne keine Rede sein. Aber immerhin: Man will das „Schandabkommen“ nicht sabotieren.