Von Rolf Michaelis

Blau, die Blau, so heißt der kleine Fluß, der sich durch das von hellen Kalkfelsen bekrönte Tal von Blaubeuren nach Ulm, zur Donau, schlängelt. Blau das Wasser? Dann darf der Himmel grau sein an diesem verregneten Herbsttag.

Wir überholen einen mit Schotter beladenen Lastwagen aus einem der Steinbrüche, die ihre abrasierten Felsen wie Wunden in die hügelige Waldlandschaft recken. „Gucken Sie mal nach rechts“, sagt der Fahrer. Triste Böschung eines Bahndamms. Büsche, verkrautetes Gewächs, vergilbtes Gras. „Dies ist die einzige Stelle im Ländle, wo der Apollofalter noch leben kann.“

Ein paar Kilometer weiter, wir sind dem Blautopf schon nah, macht der Fahrer auf überhängende Felsen an den Seiten des Blau-Tales aufmerksam. Dort hausten einst unsere nomadisierenden Vorfahren. Nicht in Höhlen, deren Dunkel ihnen nie recht geheuer war, sondern unterm Stein-Schirm im Freien. Jetzt stöbern die Archäologen dort nach Abfallgruben, aus denen sie schöne Schätze buddeln.

Und, ja hier, am Rand des Waldes, der von den Felshängen bis zum Wasserlauf stürzt, ist der Wanderfalke wieder heimisch geworden. Der nistet in halber Gemeinschaft mit dem Uhu, der hier auch ausgerottet war. Da wird der Fahrer nachdenklich. Es ist nämlich so, daß der Uhu zuschaut, wie die Wanderfalken aufopfernd ihre Brut atzen. Wenn die Jungfalken gerade so schön Jugendspeck angesetzt haben, daß sie das Nest zum ersten Flugversuch verlassen können, greift Nachbar Uhu zu – und der Zuchterfolg eines Jahres ist dahin. Unser Fahrer schaut zu Felsen und Wipfeln im jetzt eng gewordenen Tal empor, und wir wissen nicht: Trauert er den Falkenküken nach? Oder klingt da nicht doch so etwas mit wie Billigung der Intelligenz eines scheinbar friedfertigen Raubvogels, der kräftezehrende Futtersuche, lästige Fütterung den als Raubvögel gefürchteten Falkeneltern überläßt und sich dann mit Mords-Appetit an den gedeckten Tisch setzt?

Sollte hier nicht von einem Verlag die Rede sein? Keine Angst: Wir stecken schon mittendrin im Innenleben eines der eigenwilligsten Editionshäuser und im Programm des Verlegers Jürgen Schweier. Der ist als Grüner vor jeder Grünen-Bewegung, als aufmerksamer Beobachter alles Lebens um ihn her und als Sprecher von Naturschutzverbänden am Rande der Schwäbischen Alb ein Wandersmann. Wenn er sich nicht täglich (auf langen Wegen oft auch nächtlich) zwei bis drei Stunden in der Natur aufhält, verliert er die Freude an dem, was er seit vielen Jahren tut: über Papieren hocken, in Papieren blättern, nach dem richtigen Papier für ein Buch fahnden. Bücherwurm als Wanderfalke.

Kulturgeographie: An diesem Wort brechen sich manche die Zunge. Ein Tag mit Jürgen Schweier unterwegs, im Regen am Quellgrund der Blau, dem Blautopf, dessen durchsichtiges Dunkel sofort die alte, von Mörike beschworene Märchengestalt der „Schönen Lau“ aufsteigen läßt; im Nebel auf der wirklichen Rauhen Alb; plötzlich im Sonnenschein auf dem schmalen Gipfel Krebsstein am Albtrauf, wo dreihundert Metei senkrecht unter uns ein sauber geputztes Dörfchen liegt; in der Garage des Elternhauses in Kirchheim unter der Teck, die der Sohn als Bücherlager zweckentfremdet, oder in der Wohnung unter dem Dach des einzigen Dreifamilienhauses in der Ortschaft Ochsenwang auf der Alb, das Mörike als „Reihernest“ geschmäht hat, wenn er, als Pfarrverweser der Jahre 1832/33 in dieser kärgsten Gegend der Alb, hätte fluchen dürfen – ein Tag mit Jürgen Schweier bringt sonst Getrenntes für ein paar Stunden zusammen: Natur und Kunst, Literatur und Leben, Anschauung und Reflexion.