Viele interessieren sich für Sprache, aber wer sich in Deutschland darüber unterrichten will, welchen Beitrag die Sprachwissenschaft zu dieser oder jener sprachlichen Frage geleistet hat, hatte es bisher schwer.

Einmal liegt es an der leidigen deutschen Unfähigkeit, Sachbücher zu machen, die vor allem auf Information und Anschaulichkeit bedacht sind. Diese setzen ein Maß an Kooperation nicht nur zwischen Experten, sondern auch mit mitdenkenden Illustratoren, Photographen, Layoutern, Typographen und vielen "unsichtbaren Helfern voraus, das sehr kostspielig ist, das Verzicht auf persönlichen Profilehrgeiz und die eigenen Lieblingsthemen und meinungen verlangt und das bei uns keine Tradition hat.

Zum ändern liegt es an einem unerklärlichen Phänomen: Menschen, die sich von Berufs wegen mit Sprache befassen, zeichnen sich nicht unbedingt durch besondere Sprachmächtigkeit aus. Natürlich gibt es Ausnahmen; ich denke etwa an Hans Joachim Störig, Mario Wandruszka, Harald Weinrich. Aber im allgemeinen ist es in Deutschland eine Strafarbeit, sprachwissenschaftliche Fachliteratur erst einmal aufzuspüren und dann durchzuackern. In die Bresche springen die Moralisierer, die dem Volk Strafpredigten ob seines Umgangs mit dem Kulturgut Sprache halten, und die Pointenbastler, die sprachliche Probleme vermeintlich publikumsgerecht so lange verwitzeln, bis man sie als solche nicht mehr wahrnimmt und damit jedem, der eigentlich etwas erfahren und verstehen wollte, das schale Gefühl vermitteln, nicht für voll genommen zu werden. Dort das unzugängliche Arkanum Sprachwissenschaft, hier Sprachjournalismus als Sermon oder als Rubrik der Humorseite - und dazwischen?

Dazwischen gibt es endlich etwas: die "Cambridge Enzyklopädie der Sprache" von David Crystal. Es ist ein Buch, das man gar nicht emphatisch genug empfehlen kann. Natürlich kommt es aus der angelsächsischen Sachbuchtradition und bringt alle deren Stärken mit. Die Originalausgabe erschien 1987 bei der Cambridge University Press. Ihr Verfasser ist Linguist in Bangor, Wales, hat sich des Beistands von dreizehn Fachberatern versichert, die meisten Amerikaner, und es offensichtlich nicht unter seiner Würde gefunden, das Ganze mit Hunderten von Zeichnungen, Tabellen, Textkästen zu versehen, die nicht reißerisch und auch nicht beliebige "Illustrationen" sind, sondern sinnvolle Ergänzungen. Der deu:sche Verlag seinerseits hat sich Zeit genommen das Werk kompetent übersetzen zu lassen - und nanche Sachverhalte dürften dabei überhaupt zuin ersten Mal in ein verständliches Deutsch befördert worden sein. Die deutschen Bearbeiter haben aber noch ein übriges getan: Sie haben nicht nur, wo immer nötig, englische Beispiele gegen deutsche ausgetauscht, sie haben ganze Abschnitte so den über Rechtschreibung - neu geschrieben. So kommt das Werk einerseits dem deutschei Leser weit entgegen, bewahrt andererseits aber jene Internationalität, die in sprachlichen Dingen besonders angebracht ist.

Was findet man darin? Man ist versucht zu sagen: alles. Artikel über Phonetik, Phonofogie, Morphologie, Grammatik, Semantik, Stilistik, Dialektiologie, Psycholinguistik, Soziolinguistik, Neurologie, Paläoanthropologie, Sprachgeschichte, über Wörterbücher, über das Übersetzen, über Schriftsysteme und Typographie, über Gebärden- und Kunstsprachen, über Pidgins und Kreolsprachen, über Sprachstatistik, über maschinelle Sprachverarbeitung. Sie reichen vom unterhaltsamen "Trivial Pursuit" (wer hat wann das Scrabble erfunden? welches ist der längste Ortsname der Welt?) zu den schwierigen Grundfragen (wie viele Sprachen gibt es, wie lassen sie sich abgrenzen, was haben sie gemeinsam?) und über die hinaus zu den letzten Dingen: Wie wird Sprache erworben, wie ist Sprache entstanden?

Es sind knappe Artikel, die jedes Thema nur anreißen und meist schon zu Ende sind, ehe es zu kompliziert und kontrovers wird. Aber wie es sich für ein solches Buch gehört, gibt es ein gutes Register und gute Bibliographien, und wer an irgendeiner Stelle weiter vordringen möchte, findet die nötigen Wegweiser vor. Dem "normalen" Leser vermittelt das Buch das angenehme Gefühl, daß hier nicht im Hinblick auf seinen vermeintlich beschränkten Verstand auf Teufel komm raus trivialisiert wird, daß es sich sehr wohl auch in der Fachwelt sehen lassen kann. Und tatsächlich ist es thematisch so weit gespannt, daß selbst der Fachwissenschaftler bei der Mehrzahl der behandelten Themen mit dem Laien in einem Boot sitzen dürfte. Wer beruflich die Frequenzbänder von Sprachspektogrammen analysiert, weiß noch lange nicht, was eigentlich die Port Royal Grammatik war. Hier kann er es nachschlagen, und bei jedem Aufblättern findet er gleich noch eine Handvoll interessanter Dinge mehr.

Apropos Scrabble. Es wurde in den zwanziger Jahren von einem Amerikaner erfunden, Alfred Butts; und bei der Gelegenheit kann man auch erfahren, daß es neben Anagrammen und Palindromen seit 2500 Jahren Leipogramme gibt. Was das ist? Texte, in denen ein bestimmter Buchstabe nicht vorkommen darf. Der längste geographische Name wiederum benennt einen Hügel auf Neuseeland, besteht aus 58 Buchstaben ("Taumatawhakatangihangakoauauotamatea "), und die bedeuten "Der Ort, wo Tamatea, der Mann mit dem große Knie, der ausrutschte, kletterte, Berge verschluckte und als Landfresser bekannt ist, seiner Liebsten auf der Flöte aufspielte". Eindeutig zählen lassen sich Sprachen nicht, da es viele fließende Übergänge zwischen ihnen gibt; je nachdem, wo man Grenzen zieht, beträgt die Zahl drei- bis zehntausend. Aber die "bedeutendsten" Sprachen lassen sich auflisten, jene, die für die größte Zahl von Menschen die Muttersprache sind. An erster Stelle steht Chinesisch (eine Milliarde Sprecher), dann folgen Englisch (350 Millionen), Spanisch (250), Arabisch (150). Deutsch (100) steht erst an zehnter Stelle, noch hinter Bengali, Russisch, Portugiesisch und Japanisch.