Am 13. Juli 1942 gegen zwei Uhr morgens verläßt das Hamburger Reserve Polizeibataillon 101 die polnische Stadt Bilgoraj in Richtung Jözeföw, einer kleinen Gemeinde im Süden Lublins, in der 1800 Juden wohnen. Kurz vor vier Uhr sind die Männer am Ziel und sammeln sich im Morgengrauen um ihren Bataillonskommandeur Major Trapp. Erst jetzt erfahren sie ihren Auftrag. Trapp, bleich und nervös, erklärt ihnen, daß sie den Befehl hätten, die Juden des Ortes zusammenzutreiben, die arbeitsfähigen Männer "auszusondern" und die übrigen, einschließlich der Alten, Frauen und Kinder, zu erschießen. Ihm gefalle dieser Auftrag auch nicht, aber der Befehl komme von ganz oben, und die Polizisten sollten an den Bombenhagel denken, dem ihre eigenen Frauen und Kinder in Deutschland ausgesetzt seien. Im übrigen seien die Juden die Feinde Deutschlands und steckten mit den Partisanen unter einer Decke. Dann jedoch macht Trapp ein ungewöhnliches Angebot: Wer von den Älteren sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne beiseite treten.

Diese Geschichte steht im Zentrum des Buches von Christopher Browning über die Beteiligung Hamburger Polizisten an der Vernichtung der Juden in Polen. Der amerikanische Historiker öffnet mit dieser mikrogeschichtlichen Untersuchung eine Dimension des Mordes an den europäischen Juden, die bislang so noch nicht geschildert wurde: Er richtet den Blick auf jene, die nicht am Schreibtisch die Vernichtung planten, sondern die "vor Ort" die Befehle ausführten.

Die Quellen, die Browning benutzt hat, lagen lange Jahre von den Historikern unbeachtet im Archiv der Hamburger Staatsanwaltschaft. Es sind die Ermittlungsakten eines Verfahrens aus den sechziger und siebziger Jahren gegen einige ehemalige Angehörige des Bataillons. 210 Vernehmungsprotokolle hat Browning akribisch ausgewertet. Zusammen mit dem Diensttagebuch, das erhalten geblieben ist, ermöglichen diese Dokumente eine Antwort auf die Frage: Wie konnten diese "ganz normalen Männer" zu Massenmördern werden?

Ende Juni 1942 kam das Bataillon in Polen an und verübte im Juli sein erstes Massaker an den Juden von Jözeföw. Im August räumte es das Ghetto von Lomazy im Norden Lublins und hielt Wache, während die berüchtigten Trawnikis die Juden erschossen. Im Sommer durchkämmten die deutschen Polizisten die Ghettos von Luköw, Parczew und Miedzyrzecz, trieben die Menschen zusammen und verfrachteten sie in die Todeszüge nach Treblinka. Im September erschossen sie die Juden von Serokomla und Talcyn, halfen im Herbst wieder bei den Deportationen. Schließlich jagten und töteten die Männer im Winter 194243 die wenigen Juden, die sich vor den Deutschen in die Wälder geflüchtet hatten. Ein Teil des ursprünglichen Personals des Bataillons nahm außerdem im November 1943 an der furchtbaren "Aktion Erntefest" teil, der binnen weniger Tage die restlichen 42 000 "Arbeitsjuden" des Bezirks Lublin zum Opfer fielen. In den sechzehn Monaten, in denen die 500 Männer des Reserve Polizeibataillons 101 in Polen stationiert waren, beteiligten sie sich an der Ermordung von mindestens 38000 Menschen und an der Deportation von über 45 000 in die Vernichtungslager Treblinka und Belzec.

Anhand der Gerichtsakten ist Browning in der Lage, ein Soziogramm der Täter zu zeichnen. Befehligt wurde das Bataillon von Major Trapp, 53 Jahre, im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, 1932 der NSDAP beigetreten, aber offensichtlich für die SS nicht geeignet. Zwei jüngere Kompaniechefs, Wolfgang Hoffmann und Julius Wohlauf, beide noch keine dreißig, waren indessen Mitglied der SS. Von den übrigen acht Offizieren, alle zwischen 33 und 48 Jahre alt, gehörten fünf der NSDAP, keiner der SS an. Von den Unteroffizieren waren die meisten in der Partei und bereits vor dem Krieg bei der Polizei gewesen. Der größte Teil der Mannschaften stammte aus Hamburg, zu zwei Dritteln aus Arbeiterfamilien: Hafenarbeiter, Lagerarbeiter, Kellner, Seeleute. Dieses Reserve Polizeibataillon setzte sich also keineswegs aus ausgesuchten Männern zusammen, die prädestiniert gewesen wären, einen rassistischen Vernichtungskrieg zu fuhren. Ihre ursprüngliche Aufgabe bestand im Wachdienst in den besetzten polnischen Gebieten. Es war der SS- und Polizeiführer von Lublin, Odilo Globocnik, dem die Vernichtung der Juden in seinem Bezirk nicht schnell genug voranging und der deshalb auf die Ordnungspolizisten zurückgriff. Vielleicht ließ Major Trapp ihnen aus diesem Grund die Wahl, sich an der Erschießung zu beteiligen. Aber nur ein Dutzend machte von seinem Angebot Gebrauch und trat an jenem Morgen in Jözeföw aus dem Glied. Später, beim Töten, versuchten noch einige andere mit Erfolg, von den Exekutionskommandos loszukommen. Sie nahmen dafür in Kauf, als "weich" oder gar als "feige" zu gelten. Die meisten jedoch wurden zu willfährigen Mördern. Drei Gruppen scheidet Browning voneinander: einen Kern von Männern, die sich freiwillig zu den Exekutionen meldeten und mit wachsender Begeisterung töteten; eine größere Gruppe, die sich eher passiv dem Befehl widerspruchslos beugte, und ein kleiner Teil, der sich dem Tötungsauftrag entzog oder sogar den Befehl verweigerte. Wer nicht schießen wollte, hatte durchaus Möglichkeiten, sich zu "drücken", nicht mitzumachen, ohne daß er ernste Konsequenzen für sich fürchten mußte.

Dennoch ist der "Befehl von ganz oben", der das Ungeheuerliche legitimierte, ein wesentliches Element gewesen. Sich dagegen aufzulehnen war sicher nur wenigen Männern möglich, die, allesamt in autoritären Verhältnissen groß geworden, Disziplin, Gehorsam und vor allem Härte als männliche Werte verinnerlicht hatten. Bei manchen mag auch Karrierestreben bestimmend gewesen sein. Unerläßlich für die Morddisposition war der Krieg, der das Verhalten brutalisierte und jegliche zivile Hemmung sprengte. Und es gab offensichtlich eine "Routine" des Tötens. Waren die meisten Polizisten unmittelbar nach dem Massaker von Jözeföw noch sichtlich erschüttert und beherrscht von den entsetzlichen Bildern, so gewöhnten sie sich in den folgenden Monaten an das Morden.

Am stärksten jedoch lastete auf ihnen der Konformitätsdruck. Nicht die Angst vor den Vorgesetzten, sondern vor den Kameraden ließ viele zu Tätern werden. Der Vorwurf, man lasse die anderen "die Dreckarbeit" tun und stehe selbst abseits, war ein entscheidender Grund, sich nicht zu verweigern. In dem resümierenden Schlußkapitel, in dem Browning seine Befunde mit den Versuchsergebnissen der berühmten Milgram Experimente vergleicht, wird deutlich, daß bei aller Unvergleichbarkeit beider Situationen die Bereitschaft, sich einer Autorität und einer Gruppe zu unterwerfen, bis zum Mord gehen kann.