Von Andreas Kilb

Es gibt eine Zeit zu lieben und eine Zeit zu sterben, sagt der neuerdings wieder gern zitierte Prediger Salomo. Für das europäische Kino ist die Zeit zum Sterben gekommen, falls sich die amerikanische Position bei den Verhandlungen für das internationale Zoll- und Handelsabkommen Gatt, die in diesem Herbst in ihre entscheidende Phase eintreten, durchsetzt.

Bei den Gatt-Verhandlungen, an denen über hundert Staaten teilnehmen, geht es um den weltweiten Abbau von Subventionen und Schutzzöllen für Waren und Dienstleistungen. Vor allem aber geht es um einen Handelsausgleich zwischen den drei großen Wirtschaftsblöcken Asien, Europa und Nordamerika. Der Dreifrontenkrieg, der seit der sogenannten Uruguay-Runde von 1988 zwischen diesen Mächten tobt, drehte sich bisher hauptsächlich um die Marktbedingungen für Produkte der Landwirtschaft, der Stahl- und Kohlebranche, der Auto- und Elektronikindustrie. Im letzten Jahr ist nun ein weiterer Verhandlungsgegenstand aufgetaucht: die audiovisuellen Medien.

Jack Valenti, der Gatt-Vertreter der USA für den Bereich Kultur, hat verlangt, daß die Produkte der Kino- und Fernsehindustrie genauso wie alle anderen Industriewaren behandelt und deshalb in den Themenkanon des angestrebten Abkommens aufgenommen werden sollen. Die „Diskriminierung“ amerikanischer Erzeugnisse auf dem europäischen Medienmarkt müsse aufhören, der „Protektionismus“ in Form von Fernsehquoten und Filmsubventionen in den Ländern Westeuropas müsse beseitigt werden.

Jack Valenti ist, anders als seine häufig wechselnden Verhandlungspartner in Brüssel, kein Kulturpolitiker. Valenti ist der Vorsitzende der Motion Picture Association of America (MPAA), des Interessenverbands der amerikanischen Filmindustrie. Er vertritt eine Branche, die jedes Jahr Filmwaren im Wert von etwa vier Milliarden Dollar herstellt und die als Anhängsel mächtiger Konzerne mit den Giganten der weltweiten Unterhaltungsindustrie eng verbunden ist.

Wenn Valentis Forderung erfüllt wird, dann müssen nicht nur jene Quotenbestimmungen abgeschafft werden, die in einigen EG-Ländern den Anteil von US-Produkten am Programmangebot der landesweiten Fernsehsender regeln. Es müssen dann auch sämtliche aus Steuergeldern finanzierten nationalen und regionalen Produktions- und Vertriebsförderungen für europäische Spielfilme wegfallen, also fast alle Subventionsprogramme, die das Kino Europas zur Zeit am Leben erhalten.

Die Pointe dieser Situation besteht darin, daß die amerikanische Medienindustrie den Markt, den sie nun für ihre Erzeugnisse öffnen will, seit langem beherrscht. Der Marktanteil amerikanischer Kinofilme in Europa liegt bei neunzig Prozent. Zwei Drittel aller Serien und Spielfilme, die im europäischen Fernsehen ausgestrahlt werden, sind amerikanischen Ursprungs. 1992 exportierten die USA audiovisuelle Produkte im Wert von dreieinhalb Milliarden Dollar nach Europa, während die EG-Medienexporte nach Amerika weniger als ein Zehntel dieser Summe ausmachten. Die Diskriminierung, von der Jack Valenti spricht, findet tatsächlich statt – aber in umgekehrter Richtung.