Meine Arbeit war die Suche nach der Wahrheit und Ewigkeit", beschreibt Roman Vishniac sein Werk. Vishniac war ein erzählender Seher und ein sehender Erzähler. Mit dem Band "Wo Menschen und Bücher lebten" begleiten wir ihn auf einer traurigen Abschiedsreise durch die untergehende ostjüdische Welt.

Wir sehen spitzbübisch lächelnde Kinder mit ihrem armseligen Spielzeug auf dem Knubbelpflaster des Ghettos von Lodz. Gassen, die gesäumt sind von schiefen Häusern mit abgeblätterten Wänden und halsbrecherischen Stiegen. Wir blicken in Werkstätten von Wachslichtziehern und Gebetsmäntelschneidern. Wir verharren ungläubig beim Anblick der leuchtenden Fröhlichkeit der Schuljungen im Cheder von Uschgorod. Vergessene Namen, vergessene Orte. Wieviel Hoffnung auf Erlösung keimt in den Gesichtern - was kam, war die Vernichtung.

Vishniac arbeitete mit versteckter Kamera. Für seine Schnappschüsse muß sich niemand erst lange in Positur stellen, oft genug blicken die Menschen geradewegs ins Objektiv. Das verleiht den Abgebildeten eine tiefe Würde in ihrer Haltung. Licht und Schatten verwandeln die Photos in Bilder, deren Atmosphäre die Antwort eines gottergebenen Alten verrät, den Vishniac fragt, wie lange er denn schon unterwegs sei: "Seit alles begann", antwortet er und trottet weiter. Als man den Photographen wegen der versteckten Kamera der Spionage verdächtigt, muß er für einige Zeit ins Gefängnis. Er arbeitet als Lastenträger und schläft mit den Bettlern auf der Straße. So gewinnt er Vertrauen, und es gelingen ihm Dokumente, die dem Betrachter den Atem stocken lassen. Nie konnte er in aller Gemütsruhe arbeiten, nur der Bruchteil des Augenblicks zählte, um Leid und Schönheit, die so eng beieinander sind, einzufangen und festzuhalten.

Roman Vishniacs Band ist das ergreifende Zeugnis einer verlorenen Kultur. Marion Wiesel, die dieses Buch herausgegeben hat, widmet es all den Menschen, deren Leben Vishniac auf seinen Photos festgehalten hat. Elie Wiesel erläutert in seinem Vorwort die Aufnahmen und erklärt den Verlauf der Reise Vishniacs durch Osteuropa. In eindringlichen Worten schildert er die Persönlichkeit des Künstlers. Und wir lernen zu verstehen: ein leidendes Volk, nirgendwo gelitten. Roman Vishniac, der 1897 in der Nähe von St. Petersburg geboren wurde, unternahm seine Photoreise zwischen 1936 und 1939. Anfang der vierziger Jahre emigrierte er von Berlin über Frankreich nach Amerika. Es gelang ihm, von den 16000 Aufnahmen etwa 2000 Negative, eingenäht im Mantelsaum, zu retten. 1990 starb Roman Vishniac in New York. Er selbst notierte über diese Reise: "Ich konnte mein Volk nicht retten, aber die Erinnerung daran "

Bilder aus der ostjüdischen Vergangenheit. Herausgegeben von Marion Wiesel; mit einem Vorwort von Elie Wiesel.

Aus dem Amerikanischen von Angela Hausner; Kindler Verlag, München 1993; 158 S , Abb, 68- DM