Die Zeiten, da jede Staatsaffäre sich als Familiengeschichte, als sophokleische oder shakespearesche Tragödie erzählen ließ, sind vorbei. Sie waren es längst, als Ludwig XVI. und Marie Antoinette von der Revolution zum bürgerlichen Ehepaar degradiert und hingerichtet wurden. Trotzdem galt es später als beliebtes Genre der bürgerlichen Literatur, Historie im Mikrokosmos einer Familienentwicklung zu spiegeln (Schulbeispiel: "Buddenbrooks"). Daß aber heutzutage ausgerechnet ein kubanischer Schriftsteller die Neigung zu solcher Darstellungsweise offenbart - das hat auf den ersten Blick schon etwas Verblüffendes. Um so mehr, als es sich dabei um einen Autor handelt, der vielen als der wichtigste in Kuba - und nicht etwa im Exil - schreibende Romancier gilt.

Zwar ist Miguel Barnets Buch über "Eine Jugend in Havanna" keineswegs ein Familienroman im herkömmlichen Sinn. Dennoch hat das Personenverzeichnis die Vollständigkeit eines Stammbaums. Lange habe ich keinen Roman gelesen, in dem es so wimmelte von Tanten und Onkeln, wo Großväter derart legendenhaft heraufbeschworen wurden, Großmütter mit solcher Sturheit aus ihren Ohrensesseln heraus regierten, Geschwister sich ähnlich eifersüchtig befehdeten, wo Vater und Mutter in ihren geheimsten Regungen so teilnahmsvolle Aufmerksamkeit erfuhren. Gewiß, eine gut sortierte Familienbande reicht aus, im kleinen Welttheater zwischen Salon, Ehebett und Kinderzimmer einen Großteil der Höhen und Tiefen des Menschlichen vorzuführen. Und das lag gewiß auch in der Intention eines Autors, der auf das Typische zielt, wenn er bekennt: "Mein ganzes Werk wird von der Obsession bestimmt, unsere Vergangenheit, die Wurzeln des Kubaners, aufzuspüren "

Und damit hat sich Barnet auch seinen Ruf erworben: mit der erzählerischen Darstellung der Geschichte seines Landes am Beispiel exemplarischer Lebensläufe. Nach zwei Gedichtbänden veröffentlichte er 1966 sein erstes Werk dieser Gattung: "Der Cimarrön. Die Lebensgeschichte eines geflohenen Negersklaven aus Cuba, von ihm selbst erzählt". Das Buch machte ihn binnen kurzem international bekannt und erfuhr auch hierzulande große Resonanz.

Nach dem Studium von Sozialwissenschaften und Ethnologie hatte Barnet verschiedene Untersuchungen als Feldforscher durchgeführt. Im Fall des 104jährigen Esteban Montejo, eines ehemaligen Sklaven, entschied er, dessen mitgeschnittene Auskünfte nicht nur als Quellenmaterial für fachliche Ausführungen zu benutzen, sondern die Selbstzeugnisse so zu arrangieren, daß sie für sich sprechen konnten. Der amerikanische Soziologe Oscar Lewis und der mexikanische Ethnologe Ricardo Pozas hatten dafür die methodischen Vorbilder geliefert. Was Barnet daran indes besonders reizte, war die Überschneidung von Wissenschaft und Poesie. Er entwickelte die Methode nach den Maßgaben seiner Themen weiter und brachte die Resultate seiner dokumentarischen Geschichtsschreibung auf den Begriff: "Novela testimonio" (am besten als "Zeitzeugen Roman" zu übersetzen).

"Das Lied der Rachel" von 1969 stellt eine Soubrette und Prostituierte als Repräsentantin der zwanziger, dreißiger Jahre vor: Den Kopf voller Träume, verkörpert sie zugleich die Käuflichkeit und die Lüge in einem Land, das als Bordell der US Amerikaner galt. Wie "Der Cimarrön" wurde auch dieses Werk von H W. Henze vertont, H M. Enzensberger bearbeitete den Text. In Kuba jedoch konnte das Buch dem geforderten Plansoll an "Sozialistischem Realismus", den Barnet verabscheut, nicht genügen. Das führte zu einer langen Unterbrechung der Arbeit auf diesem Gebiet. Erst 1981 folgte der dritte Roman "Gallego Alle träumten von Cuba", in dessen Mittelpunkt der galizische Einwanderer Manuel Ruiz steht. Den Schluß der Tetralogie bildete 1984 die Exilantengeschichte "La Vida Real Ein Kubaner in New York".

Das sollte auch das Ende der "novelas testirnonios" sein "Das Handwerk des Engels" (1989 unter dem Titel "Oficio de Angel" erschienen) eröffnet eine Trilogie, in der Rückschau und Eriinnerung ebenfalls im Mittelpunkt stehen, ohne jecdoch an eine authentische Zentralfigur gebundem zu sein "Seit langem", so Barnet, "spürte ich eine Verpflichtung für mich selbst, denn ich habe mich zwei Jahrzehnte damit beschäftigt, die Stimme anderer zu sein , irgendwann mußte ich einmal von mir sprechen, von meiner Klasse, meinem Viertel, meiner Familie. Und zwar nicht nur in der Poesie, sondern auch im Roman "

Barnet hat von sich, seiner Familie und seiner Klasse sowohl auf sehr eindrückliche wie manchmal auch irritierende Weise gesprochen. Und zugleich hat er auch nicht von sich gesprochen, sondern von einem soziologischen Konstrukt: seiner Generation - was die Sache ein wenig ins Unwägbare abgleiten läßt. Doch eins nach dem ändern. Erzählt wird die Geschichte einer kubanischen Mittelstandsfamilie in den Jahren 1948 bis 1964, einer Zeit also, die Wohlstand, Batista Terror, Revolution und die Invasion in der Schweinebucht umfaßt. Und das Merkwürdige ist eben, daß das historische Panorama fast ausschließlich aus dem Blickwinkel dieser einen Familie erzählt wird. Als würde die Familie das soziale Feld weitgehend abdecken, und dies nicht nur für den introvertierten Bücherwurm Angel, sondern auch für den jungen Revolutionär, zu dem er heranwächst.