Das Beileid, nach Teilen eines Tagebuchs“, schließt chronologisch an Drachs Romane ‚,„Z.Z“ das ist die Zwischenzeit“ und „Unsentimentale Reise“ an. Der Held, „der Sohn“, dann „Peter Kucku“, ist nun zum „Ich“, zum Tagebuchschreiber mutiert. Er sitzt im Mai 1945 in Nizza, der fünf Jahre währenden unablässigen Bedrohung durch seine Landsleute und deren willfährige französische Hilfskräfte entronnen, und setzt seine Versuche fort, bei der nichtsnutzigen jungen Engländerin, die wir ebenfalls aus der „Unsentimentalen Reise“ kennen, endlich an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen. Dies mißlingt. „Ich bin mithin mit dem rohen Karfiol, sprich Blumenkohl, den ich als Liebesmahl für uns beide vor dem Ballbesuch mit dem Restgeld angeschafft hatte, allein zurückgeblieben. Dabei war die Speise in einem mit Wasser gefüllten Gefäß wohl auf dem einflammigen Rechaud aufgestellt und die Gaszufuhr geöffnet, aber die Zündung unterlassen worden. So mußte, was als Versehen begonnen, als Absichtshandlung schließlich in Kauf genommen, zu einem Erstickungstode führen, den mir die Nazis zugedacht, dem ich aber durch geglückte List seinerzeit entronnen war.“ Die Hauswirtin kommt dazwischen und rettet ihn, „um zu verhindern, daß weiter etwas sich in Luft auflöse, das Geld kostet und in der Monatsmiete nicht inbegriffen ist“.

Keine Frage: Wir sind in Drachs grimmiger Welt. An seinem eigenwilligen, der altösterreichischen Amtssprache nachgebildeten Duktus scheiden sich bis heute die Geister.

So lebt er also notgedrungen weiter. Er fühlt sich dabei tot, ein Gespenst, ein Wiedergänger, den zugleich die Merkmale des Lebendigseins plagen. Er ist ständig in Geldnöten und geht ebenso beharrlich wie meist fruchtlos seinen erotischen Abenteuern nach, eine makaber-drollige Nachkriegsausgabe des Ich-Erzählers aus dem „Wendekreis des Krebses“, der schrieb: „I have mo money, no resources, no hopes. I am the happiesst man alive.“

Dieser „Ich“ hier ist der unglücklichste, und nicht einmal mehr ein Mensch, dennoch liebt er hin, schreibt an seinen Büchern, sucht einem Verleger (den er erst zwanzig Jahre später finden sollte), siedelt endlich nach Mödling beii Wien über in das Haus, aus dem er im Jahr 1938 vvertrieben worden war – und lernt Grete kennen. Das Buch endet mit der Heirat, die den Wiedereintritt in das bürgerliche Leben besiegelt und damit eine Art Wiedergeburt des „Gespenstes“.

Literarisch ist Drach, wie man weiß, ein Gespenst geblieben, bis der Claassen Verlagg 1964 gleich mit einer Gesamtausgabe seiner Werke begann, wurde vom hurtigen Betrieb gleich noochmals vergessen und erst vor wenigen Jahren vonm Carl Hanser Verlag nochmals entdeckt. (Die Fälle der Österreicher Drach, Lebert, Veza Canetti und Alfred Bittner sollten die allenthalben und mit der größten Zufriedenheit geäußerte Dummheit, daß „heutzutage ohnehin alles gedruckt werde“, eigentlich ein für allemal zum Verstummen bringen.) Doch der Hansersche Eifer scheint bereits wieder zu erlahmen, und so ist dieser 1973 fertiggestellte Text des nunmehr 91jährigen Drach erstmals 1993 als Lizenzausgabe bei Droschl in Graz erschienen. Dies ist für sich genommen schon kurios genug. Kurioser noch, daß damit erstmals seit 1919 ein Buch dieses Autors in Österreich erscheint.

Dieses Land, das sich gern als Kulturnation bezeichnet, hat Drach nie viel Gutes gewollt, wiewohl neuerdings ganze Symposien über und mit Drach veranstaltet werden. Auch wirkt die Lieblosigkeit dieser Droschl-Ausgabe wie ein fernes, höhnisches Echo jener charakteristischen Atmosphäre aus Wurschtigkeit, Borniertheit, Mißgunst und „Naderertum“, die Drach nie müde geworden ist abzuschildern. Dieser Verlag hat nicht nur ein Renommee zu verlieren, sondern gehört auch zu den von der öffentlichen Hand am höchsten dotierten in Österreich, und so kann man wohl nur rätseln, was ihn dazu bewog, dieses Kabinettstück aus typographischer und buchdruckerischer Unbedarftheit mit einem „Nachwort“ zu krönen, dessen germanistischer Humpelschritt sich bis auf die Höhe der Erkenntnis emporarbeitet, „die Exilerfahrung“ werde „thematisch und über die Sprache faßbar“. Das soll man niemandem antun und schon zweimal nicht dem alten Meister Drach.