Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Die deutsche Ausgabe von Luigi Meneghellos erstmals 1988 veröffentlichtem Roman "Bau Sete" - es handelt sich um die Fortsetzung deir "Kleinen Meister", Meneghellos Partisanerironian - erscheint in einem Augenblick, da die Idee einer politischen Erneuerung Italiens in die Tat umgesetzt werden soll und die Hoffnung auf ein zweites rihält. Diese Erwartung eines gesellschaftlichen Wandels von Grund auf war schon eines der Leitmotive der italienischen Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg und damit auch ein Hauptthema der "Kleinen Meister".

Meneghellos neues Buch ist ein Roman der verlorenen Illusionen. Der Autor zieht aus der Distanz seines englischen Standorts Reading, wo er italienische Literatur lehrt, eine höchst subjektive Bilanz der ersten Wochen und Monate nach Kriegsende und der Folgejahre. Die Ankunft des Friedens fällt zusammen mit dem Ende einer Bewegung, die ihren Mitgliedern die Sicherheit einer Katakombe geboten hat. Und jetzt? Meneghello ist orientierungslos geworden; er steuert einen Ort an, "den es vielleicht nicht gibt". Seine Nachprüfung der italienischen Nachkriegszeit ist zugleich auch die Gewissenserforschung eines Intellektuellen, der stellvertretend für andere den "Hang zum Phantasieren" und das Fehlen einer realistischen Einschätzung der politischen Situation als das Grundübel seiner Generation erkennt.

Der Erzähler, Jahrgang 1922, und seine Vicentiner Freunde verhalten sich wie große Kinder; die Kampfspiele der resistenza sublimieren sie jetzt in Friedensspiele, ohne ihrem "destruktiven Charakter" zu entsagen. Das Vorbild von Giaime Pintor, diesem mythischen Heldea der Partisanenbewegung, setzt nach wie vor Maßstäbe; der Radikalität des Denkens soll eine Radikalität des Handelns folgen. So überrascht nur auf den ersten Blick die Relation zwischen den philosophischen Ansprüchen des Chronisten Meneghello und dem, was er euphemistisch als "Leidenschaft für den Ortswechsel" bezeichnet, was aber für das Gros seiner Kameraden es sind eben nicht Freunde im klassischen Wortverstand - eine Motorradseuche darstellt.

Der zweite Blick belehrt den Leser eines Besseren: Was an Fetischismus grenzt und alle Symptome einer Ersatzbefriedigung zeigt, bestimmt das Weltbild der jungen Adoranten. Für sie ist zwar der Himmel leer, doch steckt eine Idee im Getriebe des Motorrads. Aus der Sicht ihrer Besitzer verliert die Maschine ihre Gegenständlichkeit; sie wird "wesentlich"; sie evöziert den Geist der Moderne. Meneghellos Mythos des Motorrads nimmt das Easy Rider Motiv vorweg; er knüpft aber auch an einen Amerikanismus an, der schon im Italien der Zwischenkriegszeit en vogue war (was - um nur ein Beispiel zu nennen - in Paveses "Schriften zur Literatur" nachzulesen ist). Die Unordnung und das frühe Leid einer von herben Enttäuschungen geprägten Zeit spiegelt die Form eines Romans, der völlig korrekt als "Geschichtenbuch" vorgestellt wird. Meneghello schreibt sprunghaft, spontan, auch desorganisiert, was haargenau der äußeren und inneren Situation der Expartisanen entspricht. Die Quintessenz dieser Recherche ist der Versuch, den Motiven einer Geisteshaltung nachzuspüren; diese etabliert sich dort, wo nach dem Handwerk des Tötens das Handwerk des Lebens erlernt wird. Am italienischen Exempel stellt Meneghello "Nachforschungen über das Wesen der Welt" an. Ein unverbesserlicher Idealist zieht die Summe seiner Erfahrungen. Waren es wirklich nur verpaßte Gelegenheiten? Ich ziehe es vor, von einer education Roman; aus dem Italienischen von Marianne Schneider; Wagenbach Verlag, Berlin 1993; 220 S, 34 -DM