Von Peter von Matt

Daß das Weib das Schicksal des Mannes ist, hat sich in der Weltliteratur seit geraumer Zeit herumgesprochen. Humbert Humbert verfällt Lolita, Antony verfällt Cleopatra, Dr. Schön verfällt Lulu, Herakles verfällt Omphale, Ritter Huldbrand verfällt Undine, Professor Unrat verfällt Marlene Dietrich, Nathanael verfällt der mechanischen Olimpia, und als es auf dem Rhein noch Berufsfischer gab, verfielen sie laufend der Lorelei, die sich im Freien zu frisieren pflegte. Bis zu Bodo Kirchhoffs jüngstem Werk schien das Innovationspotential dieser tragischen Konstellation erschöpft. Jetzt aber darf von einem neuen Durchbruch gesprochen werden. Erstmals in der Weltliteratur verfällt ein Mann seiner Urologin. Und erstmals rückt diese medizinische Disziplin, die bisher als ruhiges, auf einen begrenzten Ausschnitt der Natur konzentriertes Gewerbe galt, in ein dämonisches Licht. Was mag, fragt sich der Leser – und beklommener fragt es sich der Leser als die Leserin –, was mag in diesen unauffälligen Praxisräumen landesweit gelaufen sein, bis endlich ein Autor es wagte, den Schleier vor den Untersuchungstischen wegzureißen und die Schuppen von den Augen einer aufschreckenden Öffentlichkeit zu fegen?

Bis zum Mord treibt die Ärztin, Ella, den Jüngling, Jonas, bis zum Doppelmord sogar. Kaum 28 Jahre zählt er, als er im Frankfurter Operncafé den Mann ersticht, der mit feinen Bemerkungen deutlich gemacht hat, daß auch ihm die Finger der Urologin nicht unbekannt sind. Mit dem Reflex des großen Tennisspielers – er ist die Nummer 64 auf der Weltrangliste – faßt er das Steakmesser und stößt es in die Brust des Widersachers, „ansatzlos, wie man im Tennissport sagt“. Drei Jahre muß er dafür sitzen. Am Tag seiner Entlassung begeht er am selben Cafétisch, wieder um neun Uhr abends, wieder mit einem Steakmesser, wieder „ansatzlos“, den zweiten Mord. Das ist die „sich ereignete unerhörte Begebenheit“, die es nach Goethes grammatisch etwas riskanter Definition erlaubt, das Werk Novelle zu nennen.

Wohl ist es eine andere Frau, um derentwillen der Tennisstar erneut seine phänomenale Rückhand zu einem Gewaltverbrechen einsetzt. Aber durch die andere hindurch sieht er immer nur die erste, die eine, die Urologin. „Sind alle Frauen gleich, ist jede Frau anders?“ Er weiß es nicht. Mögen auch drei Jahre vergangen, mag aus dem Jüngling „ein nicht mehr junger Mann von Anfang Dreißig“ geworden sein, unvergessen ist die Ärztin, unvergessen ihre Finger. Christine, die Frau, auf die er am Tatort trifft, ist ihm sogleich „die Inkarnation von Ella“. Und in ihrem zufällig auftauchenden Bekannten tötet er jenen ersten Widersacher ein zweites Mal. Kurz vorher aber ist die Urologin selbst – ein Zufall? ein Omen? – auf ihrem Rennrad am Café vorbeigefahren.

Zwischen der Ärztin und Jonas von wahrer Liebe zu reden wäre verfehlt. Eine Passion ist das vielmehr, eine Sucht. Dabei zeigt sich die Frau vom Charakter her fragwürdig: „Regnete es und sie hatte einen Schirm dabei, nützte sie diesen Schirm nur zum eigenen Vorteil.“ Aber selbst dies gerät dem jungen Manne noch zu masochistischer Lust. So läßt ihn auch der Teint der Urologin „an die Herzogin von Kent denken“, während doch die Haut in Wahrheit „von dieser Blässe (war), die man vergebens als nobel anzupreisen versucht“. Er hätte es wissen müssen, denn „das sagte sein Vater, der kurz darauf starb“. Alles kann die Person von ihm fordern, und sie nützt es wahrhaftig aus: „Sie forderte seine Zeit, seine Wachheit, seine Teilnahme am Davis-Cup, seinen Samen.“

Es geschah auf dem Untersuchungstisch, daß des jungen Mannes Hörigkeit begann. Ein Blitz aus heiterem Himmel muß es gewesen sein. Wie den antiken Seeleuten ein einziger Ton der Sirenen genügte, daß sie freiwillig vor deren Klauen stürzten, wie den Berufsfischern auf dem Rhein ein Blick auf Lorelei hinreichte, um sie in Verzückung kentern zu lassen, so brauchte Ella nur einmal nach Jonas’ Prostata zu tasten, und es war um ihn geschehen. Jetzt wußte er: „Von all den Frauen, die Jonas begegnet sind, hat keine so sanfte Finger besessen.“ Sie selbst aber schuf den Übergang von der Behandlung in die Beziehung spielend: „Ganz schön weich da drin, war Ellas erster Kommentar, mit ihrer schwebenden, nie ganz sachlichen Stimme, wie ein alter Tennisball. Und dann verlor sie kein Wort mehr über sein Leiden, streifte den Gummi ab und kam auf ihre Interessen, Radfahren, Malerei, Kongresse.“ So bleibt er in ihrer Gewalt, ein Männerschicksal, bleibt in der Gewalt einer Frau, die durch nichts zu erschüttern ist, außer in den ganz seltenen, unerwarteten Momenten, „wenn man ihr Luft aus dem Rad ließ“.

Der Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen, daß Bodo Kirchhoff mit seiner Novelle einen Klassiker geschaffen hat, ein Spitzenwerk der unfreiwilligen Komik, das neben dem lyrischen Schaffen der Friederike Kemper ohne weiteres zu bestehen vermag. Ein schlechtes Buch kann ja jeder schreiben. Wer aber fügt mit diesem Ernst, diesem Kunstwillen, dieser Gewißheit, hier und heute neben Kleist zu treten, einen schiefen Satz an den anderen und einen ungeheuerlichen Vergleich an den nächsten? Fragloser Höhepunkt der Metaphernkultur ist das „Adventskalendertürchen“, Seite 63, dessen öffentliche Erläuterung sich verbietet, auf das eine seelisch gefestigte Leserschaft aber doch hingewiesen sei.