PARSTEIN. – Der Ingenieur Gerd Otto zählte in der DDR zu einer kleinen Schar von Exoten: Er beschäftigte sich mit erneuerbaren Energien, vor allem mit den Möglichkeiten, Windenergie zu nutzen. In der DDR wurde dieses Engagement ignoriert. Staats- und Parteiführung setzten auf umweltschädigende Braunkohle und Kernenergie; für Experimente mit regenerativen Energien blieb kein Raum.

Für Gerd Otto kam das Ende der DDR gerade rechtzeitig. Der inzwischen 65jährige Berliner machte aus seinem früheren Hobby einen Fulltime-Job und gründete ein Ingenieurbüro für Windenergienutzung. Am Parsteiner See im brandenburgischen Kreis Eberswalde-Finow wollte er seine erste Anlage bauen. Doch inzwischen ist das Projekt in die Mühlen der Bürokratie geraten. Gerd Otto fürchtet um die Früchte seiner jahrelangen Arbeit.

„Monatelang habe ich mit dem Bürgermeister in Parstein, mit Naturschützern und Behörden verhandelt. Der Standort war klar, rund 100 000 Mark Fördermittel hatte mir das Umweltministerium zugesagt. Und nun soll alles vergebens gewesen sein.“ Gerd Otto ist bitter, denkt an eine Klage gegen das Land Brandenburg. Denn völlig überraschend stoppte die oberste Naturschutzbehörde des Landes sein Projekt. Begründung: Die Gegend am Parsteiner See, im Randbereich des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin, gehöre zu den wenigen Brandenburger Regionen, die „noch frei von technischen Anlagen und anthropogenen Eingriffen“ seien, sagt der Leiter der obersten Naturschutzbehörde im Potsdamer Umweltministerium, Friedrich Wiegank. In diesen „besonders schützenswerten Landschaftsräumen“ hätten auch umweltfreundliche Windenergieanlagen keinen Platz. Das Land Brandenburg sei groß genug, um für alle geplanten Windkraftanlagen geeignete Standorte zu finden, ohne auf die wenigen noch intakten Gebiete zurückzugreifen. Gerd Otto war allerdings monatelang von allen Seiten ermutigt worden, seine Anlage am Parsteiner See zu verwirklichen.

Der Bürgermeister von Parstein, Ingolf Grzegorek, kennt den ausgewählten Standort genau. Die Bedenken der obersten Naturschutzbehörde kann er nicht nachvollziehen. „Die Windenergieanlage würde optisch erheblich weniger stören als die Hochspannungsleitungen und die Fernmeldetürme der Telekom“, sagt er. Auch die 290 Dorfbewohner hätten nichts gegen eine Windkraftanlage, die etwa fünfzig Familien umweltfreundlich mit Energie versorgen könnte. Und der Leiter des Amtes für Naturschutz, Landschaftspflege und Wasserwirtschaft im Landkreis Eberswalde-Finow, Axel Brätz, hält es für möglich, „daß eine solche Anlage zu einer ähnlichen Attraktion würde wie eine Windmühle“.

Auf seiner Seite glaubte Gerd Otto – der schon zu DDR-Zeiten ein Fachbuch über Windenergie schrieb – auch die Leitung des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin. „Keine Bedenken“ hatte man dort noch im Juni gegen die geplante Anlage am gewünschten Standort. Inzwischen vertritt der Leiter dieses Amtes, Eberhard Henne, eine andere Position. „Wir sind für die Windenergie. Aber wir wollen keine Anlage im sensiblen Uferbereich des Parsteiner Sees, zumal sich die Rotoren mitten in einer Vogelzugstraße befinden würden.“ Allerdings zeigen die wenigen Untersuchungen, die bisher zum Thema „Vogelschlag durch Windkraftrotoren“ erarbeitet wurden, daß die Tiere solche Anlagen in großem Bogen umfliegen. An der Nordsee wurden in einem Zeitraum von über einem Jahr an zehn Windenergieanlagen-Standorten insgesamt 36 tote Vögel gefunden.

Gerd Otto kann außerdem ein Landschaftsverträglichkeitsgutachten der Grünen Liga, eines Umweltverbandes in den neuen Ländern, vorweisen. Das kommt zu dem Ergebnis, daß mit der Errichtung der Windenergieanlage nur ein „geringer bis mittlerer Eingriff ins Landschaftsbild“ verbunden sei. Wenn sich die Bewohner des Ortes Parstein durch die rund vierzig Meter hohe Anlage nicht gestört fühlten, gebe es keine Bedenken gegen das Projekt.

Im brandenburgischen Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung ist man nicht glücklich über den Verlauf, den die Sache genommen hat. Denn eigentlich hält sich der parteilose Minister Matthias Platzeck viel darauf zugute, daß sein Haus den Ausbau der Windenergie besonders fördert. So weihte der Minister, der ursprünglich aus der Bürgerbewegung kommt, erst Anfang September fünf neue Windkraftanlagen in der dünnbesiedelten Uckermark im Norden des Landes ein. Doch am Parsteiner See, wo Ingenieur Gerd Otto seine 500-Kilowatt-Anlage errichten möchte, habe sich das Ministerium „für den Naturschutz entschieden“, meint Platzeck.