Das Jahr 1989 bedeutet für Deutschland und Europa eine Epochenzäsur. Fast könnte man sagen, der Jahrhundertwechsel in Europa habe schon 1989 stattgefunden. Aber beide Deutschlands tun sich schwer damit. Von außen gesehen mag es so scheinen, als betrachteten sich Ost- und Westdeutschland eher als Opfer denn als Gewinner der Vereinigung Europas. Das verwundert für die ehemalige DDR nicht. Aber daß auch "die alte Tante" Bundesrepublik eher weinerliche Reaktionen zeigt, hat die Frankfurter Publizistin Cora Stephan zu einer furiosen Polemik veranlaßt.

In ihrem Buch zeichnet sie die Konturen einer lange gepflegten "Betroffenheitskultur" nach, die insbesondere bei der Linken, aber nicht nur bei ihr, zu einem Versagen angesichts der epochalen Veränderungen nach 1989 geführt habe.

Cora Stephan zielt auf jenes Arrangement mit der deutschen und europäischen Teilung, das die Generation der 68er und viele bundesdeutsche Entspannungspolitiker für eine unbegrenzt existierende und vernünftige Wirklichkeit hielten Die Polemik rankt sich um zwei Themen: das Verschwinden des Politischen in der politischen Kultur und die Wiederkehr des Nationalstaats Deutschland. Was in den siebziger und achtziger Jahren unter Politik verstanden worden sei, seien in Wirklichkeit Sandkastenspiele gewesen, die wenig zur Gestaltung eines politischen Raums beigetragen hätten: Bürgerinitiativen, Friedensbewegung, Protestbewegung gegen Atomkraftwerke, neue soziale Lebensweisen - all diese neuen politischen Formen hätten zu einer weit gestreuten Privatisierung des Politischen geführt, die mittlerweile die Parteien selbst ergriffen habe. Politiker wie Björn Engholm und Oskar Lafontaine seien mit ihrer Präsentation authentischer Lebenskultur - Stichwort: Toskana Fraktion - letztlich Opfer ihrer eigenen Ideologie geworden, die auf die politischen Herausforderungen der neuen Zeit keine Antworten zu geben wisse.

Der Privatisierung des Politischen entspreche die Politisierung des Privaten. Unleugbar sei, daß die Politisierung des Alltagslebens, eines der erklärten Ziele der rebellierenden Jugendlichen der sechziger und siebziger Jahre, zu einer Entpolitisierung des Denkens, zu einem Gruppenegoismus par exellence, zu einer intellektuellen Ikea Einheitskultur geführt habe.

Die Haltung namhafter linker und liberaler intellektueller Wortführer zum Golfkrieg 1991, zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien oder zum Einsatz deutscher Blauhelme in Krisen- und Kriegsgebieten liefert der Autorin reichhaltiges Material für Polemik, deren Kern in der These gipfelt, moralisch unterlegter Attentismus sei im Grunde unpolitisch.

Cora Stephans provokantes Buch fächert den ganzen Kanon bundesdeutscher Streitkultur auf und kommt doch immer wieder auf ein altes, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts schwelendes Thema zurück: den Streit zwischen einem politikabstinenten kulturellen Verständnis des Gemeinwesens und einem (oft konservativen) Politikbegriff, der den Sinn des Gemeinwesens in der einheitlichen Gestaltung politischer Handlungsräume erblickt. Erstaunlich ist, wie wenig abgeklärt, wie aktuell dieser Streit auch heute noch ist. Die Qualität des Politischen freilich erscheint gottlob! - nicht mehr, wie seinerzeit bei Fichte und den Romantikern, als einheitliche Idee. Politische Ideen sind selbst Gegenstand eines streitbaren pluralen Diskurses, in dem heute eher auch die Differenzen kenntlich und handlungsfähig gemacht werden müssen. In diesem Prozeß befinden sich die alten und die neuen Bundesdeutschen nolens volens längst mittendrin. Cora Stephans Polemik ist der beste Beweis.

Eine politische Sittengeschichte; Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 1993; 191 S, 29 80 DM