Ansichtspostkarten von Kaiser und Kaiserin zählten zu den beliebtesten Requisiten wilhelminischer Bürger, aber auch mancher patriotischer Arbeiter. Man stellte sie gern aufs Vertiko in der guten Stube, neben Erinnerungsphotos von Hochzeit oder Soldatenzeit. Eine kleine Auswahl aus einer großen Sammlung solcher Karten, die sich im Nachlaß einer begeisterten Monarchistin gefunden hat, kann jetzt, umrahmt von erhellenden Essays Christian Graf von Krockows, besichtigt werden.

Im Mittelpunkt steht natürlich ER, Wilhelm II , "unser Kaiser", wie er liebevoll genannt wurde schreitend und reitend für Deutschland, kostümiert in den prächtigsten Uniformen. Er war, sagt Krockow, "ein Verkleidungskünstler von Graden". Ob als Admiral auf seiner Hochseeyacht oder als Jäger in der Schorfheide - immer überspielt der Monarch seine Unsicherheit durch schneidige Posen, krampfhaft bemüht, den gelähmten linken Arm zu verbergen.

Neben Wilhelm II, in immer neuen Kombinationen und Variationen, die Kaiserin, Kronprinz und Kronprinzessin, die reiche Kinder- und Enkelschar - Bilder eines scheinbar glücklichen Familienlebens. Doch auch das war, wie Krockow zeigt, Fassade, verlogene Inszenierung. In der Ehe zwischen Wilhelm und seiner Dona kriselte es mehr als einmal, und noch weniger harmonisch ging es in der Familie des Kronprinzen zu, der ein noch größerer Schürzenjäger war als sein Vater. Die Karten, die Wilhelm II "im Felde" zeigen, spiegeln ungewollt seinen Bedeutungsverlust. Er war tatsächlich nur noch ein Schattenkaiser - an die Seite gedrückt durch die neuen Kriegsheroen, Hindenburg und Ludendorff.

Die späten Photos zeigen den alten Ex Kaiser im luxuriösen Doorner Exil. Er wirkt seltsam verkleinert, gereift "Etwas wie eine späte, gebrechliche Würde scheint um den alten Mann zu sein", meint Krockow. Doch auch diese Bilder täuschen. Wilhelm II blieb bis in seine letzten Tage, was er immer gewesen war: ein taktloses Großmaul, ohne einen Anflug von Einsicht oder Läuterung. Glanz und Sturz der Monarchie. Mit historischen Postkarten aus der Sammlung Jürgen Christen; Westermann Verlag, Braunschweig 1993; 124 S, 70 Abb , 44 - DM