Von Michael Thumann

Athen

Hoch auf einem Turm steht der Kandidat und winkt. Neben ihm weht eine griechische Flagge, über ihm leuchtet der Vollmond. Tief unten drängeln sich die Menschen, den Mann in der Höhe zu sehen, schwenken Fähnchen, werfen Konfetti, halten rotschimmernde Fackeln. Eingehüllt in Rauchwolken, verkündet der Kandidat: „Der Frühling ist angebrochen.“ Das Volk antwortet ihm in minutenlangen Chören: „Es lebe Antonis Samaras!“

Überall in Europa gelten Politiker als langweilige Technokraten – in Griechenland werden sie noch gefeiert. Der Mann im blaugrauen Anzug und mit Hornbrille ist der Vorsitzende der neuen Partei „Politischer. Frühling“. Samaras gehört zu den talentiertesten griechischen Nachwuchspolitikern, er ist Enfant terrible und Demagoge in einer Person. Der Volksheld stammt aus der konservativen Partei Nea Dimokratia und war Außenminister der Regierung von Konstantinos Mitsotakis. Ihre politische Freundschaft zerbrach über der „Makedonien“-Frage: Im Streit um den Namen der ehemaligen jugoslawischen Republik verfocht Samaras einen kompromißlosen Kurs: „Makedonien“ dürfe sich der neue Staat nicht nennen! Der Ministerpräsident dagegen zeigte sich verhandlungsbereit. Samaras verließ die Partei und gründete Ende Juni seinen „Politischen Frühling“. Ihm verdankt Griechenland die vorgezogenen Wahlen am 10. Oktober; weil er im Parlament der Nea Dimokratia mehrere Abgeordnete abwarb, verlor die Regierung Mitsotakis ihre Mehrheit.

„Verräter Samaras“ haben Aktivisten an viele Athener Hauswände gesprüht. „Lump“ und „Judas“ schimpfen ihn die ehemaligen Parteifreunde, die ihm ihre drohende Wahlniederlage anlasten. In der Provinz wurde Samaras mit faulen Eiern, Steinen und Feuerwerkskörpern torpediert. Die Angriffe haben ihm die Aura des Märtyrers verliehen, und seine Wahlveranstaltungen sind besser besucht als zuvor. Der konservative Populist hat kein neues Programm zu bieten, er selbst ist die Alternative: Der 42jährige Samaras zählt zu den jüngsten griechischen Politikern. Drei Monate nach der Gründung wird seine Partei nach Umfragen mit etwa fünf Prozent ins neue Parlament einziehen. Er wendet sich an alle Verdrossenen, die des klassischen Zweikampfs in der politischen Arena Athens müde sind. Dort kämpfen seit vielen Jahren Mitsotakis und der Sozialist Andreas Papandreou gegeneinander, 75 und 74 Jahre alt. Die Griechen nennen sie spöttisch „Dinosaurier“.

Papandreou regierte mit seiner Panhellenischen Sozialistischen Bewegung (Pasok) von 1981 bis 1989 und wurde nach einer Welle von Korruptionsskandalen abgewählt. Eine in der griechischen Geschichte einzigartige Koalition aus Konservativen und Kommunisten klagte damals mehrere Pasok-Politiker ins Gefängnis. Mitsotakis führt das Land seit 1990. Die Gräben zwischen den beiden Alten trennen auch die Fanatiker unter ihren Anhängern. In Thessaloniki droschen sie nach einer Mitsotakis-Kundgebung aufeinander ein, zerstörten Parteibüros und Wahlkampfstände.

Die griechischen Städte gleichen zur Vorwahlzeit einem Jahrmarkt: keine Straße ohne Fähnchen, kein Baum ohne Parteibanner, keine Laterne ohne Mitsotakis-Poster, keine Hauswand ohne Pasok-Plakat. Radio und Fernsehen berichten rund um die Uhr aus den Kundgebungssälen voller begeisterter Anhänger, wo der politische Gegner nach besten Kräften diskreditiert wird.