Am 22. November, dreißig Jahre sind das dann her, wird sein Nachfolger Bill Clinton durch Dallas fahren, vielleicht sogar im offenen Wagen, wird winken nach links und rechts wie damals der Wahlkämpfer John F. Kennedy, als ihn die Kugel traf.

Bill Clinton ist der jüngste Nutznießer des Kennedy Charismas, das JFK noch immer umstrahlt, obwohl er sein Land in den Vietnamkrieg führte. Kennedy war der erste Aufsteiger, der es im angeblich klassenlosen Amerika ins Weiße Haus schaffte, der Sohn eines Alkoholschmugglers und Börsenspekulanten, der es mit seinen Machenschaften zu unfaßbarem Reichtum gebracht hatte, ein Reichtum, der einfach nicht aufzubrauchen war, obwohl dieser Vater bis zur Präsidentschaft alles kaufte.

Nigel Hamiltons erster seiner auf drei Bände angelegten Monumentalbiographie deckt nur die Jahre bis zur ersten Wahl ins Repräsentantenhaus 1946 ab, als JFK, aus nicht ganz freien Stücken, 29jährig nach Washington zog. Die "Wilde Jugend" - so der Untertitel - bringt deshalb weniger ein Lebensbild des Sohnes als vielmehr eines des ehrgeizzerfressenen Vaters Joe Kennedy.

Dessen Großvater war bettelarm aus Irland eingewandert, und diese Herkunft reichte im Pilgerväter Boston für die Zurücksetzung aus. Immerhin wurde der Enkel mit Börsenmanipulationen schnell reich. Auftritt von der Damenseite: Rose Kennedy, geb. Fitzgerald. Nach sieben Jahren, in denen sie in Internaten und sogar einem Kloster weggesperrt war, durfte sie ihren Kennedy heiraten, doch die Sehnsucht hatte die Liebe erschöpft. Neun Kinder gebar Rose ihrem Mann. Wenn sie bei ihren Freundinnen zum Tee war, holte sich der Gatte mit ihrer Duldung Revue Girls ins Haus; einmal wurde sogar die Mätresse Gloria Swanson mit auf Europareise genommen. Präsident der Vereinigten Staaten wollte Joe Kennedy werden. Erst mit Anbiederung: Kennedy finanzierte Roosevelt den Wahlkampf 1932, was diesen nicht daran hinderte, "Kennedy als irischen Aufsteiger zu verachten". Schließlich schickte Roosevelt ihn nach London. Im Februar 1938 brach er auf, "um in Großbritannien als Amerikas schlechtester Botschafter Geschichte zu machen: als Inbegriff des Beschwichtigungpolitikers". Auch in London frönte Kennedy seinem liebsten Zeitvertreib und spekulierte mit Insiderinformationen an der New Yorker Börse. Aber da war noch die Weltpolitik: "Wie er 1929 als Spekulant zum Zusammenbruch des New Yorker Aktienmarktes beigetragen hatte, so trug Kennedy jetzt zum Untergang der Demokratien in Europa bei " Kennedy verspekulierte sich bei Hitler, billigte dessen Judenpolitik, machte Propaganda für das Münchner Abkommen, zweifelte hartnäckig an der Möglichkeit, es könne einen weiteren Krieg ys Europa geben, und empfahl seinem Präsidenten nach dem Überfall auf Polen, sich und die USA aus dem europäischen Konflikt herauszuhalten. Hitler sei eh stärker.

Politisch war er damit erledigt, weshalb Kennedy seinen Ehrgeiz schließlich auf seine Söhne übertrug. Zunächst war Joe, der Älteste, für das höchste Amt vorgesehen, doch wurden die anderen nicht weniger auf Sieg gedrillt. Nie durften die Kinder einfach nur segeln, es mußte gleich eine Regatta sein "In dieser Familie wollen wir Gewinner", lautete die Erziehungsmaxime des Vaters. Wo der eigene Einsatz nicht hinreichte, half der Vater nach. Zum Beispiel bei Johns Abschlußarbeit in Harvard, die als Buch ein Bestseller wurde, obwohl oder weil es die AppeasementPolitik behandelte, die der Vater betrieben hatte. Daddys Unterleute in der Londoner Botschaft besorgten die Materialsammlung, der Sohn mußte es nur noch zusammenbauen.

"Was soll ich wegen eines Verlegers tun Krocks Agentin behalten, oder kannst Du es richten?" fragte John beim Vater nach. Arthur Krock, Journalist bei der New York Times, bezog seit 1932 eine feine Vergütung dafür, daß er in seiner Zeitung unermüdlich für die Kennedy Dynastie trommelte.

"In seinem ganzen Leben", erzählt der Schulfreund Lern Billings, kannte JFK "nur wenige Tage, wo er nicht in irgendeiner Weise Schmerzen hatte oder krank war Mit der Addisonschen Krankheit, einer schlecht verheilten Syphilis, dazu einem kaum operablen Rückenleiden, das ihn die meiste Zeit ein Stützkorsett tragen ließ, wäre dieser Sieche niemals tauglich für den Dienst mit der Waffe gewesen. Daddy mußte es neuerlich richten, sorgte dafür, daß der Junge ohne Gesundheitstest in die Offizierslaufbahn bugsiert wurde. "Daß er Sohn eines prominenten Vaters ist", hieß es bei der Musterung, "hat Antragsteller nicht im mindesten beeinflußt. Er ist ein sauberer, ehrgeiziger und angenehmer junger Amerikaner, bestrebt, im Leben seinen eigenen Weg zu gehen " Und brav wurde der Sohn ein Kriegsheld. PT109, das Torpedoboot, das Leutnant Kennedy in den pazifischen Salomonen kommandierte, wurde von einem japanischen Zerstörer zerfetzt. Die Kerosintanks explodierten, zwei Mann starben sofort, die übrigen elf Besatzungsmitglieder konnten sich retten. Jack Kennedy schleppte einen Kameraden, der schwere Verbrennungen hatte, mit dessen Schwimmweste als Zaumzeug ans Ufer.