Wehe dir, meine Prinzessin, wenn ich komme", schrieb der Sechsundzwanzigjährige seinem süßen Mädel "Ich werde dich küssen, bis du rot wirst, und ich werde dich füttern, bis du dick bist. Und wenn du aufmuckst, dann wirst du sehen, wer hier der Stärkere ist: ein sanftes kleines Mädchen, das nicht genug ißt, oder ein großer, wilder Mann mit Kokain im Leib "

Auf seine Art ein typischer Brautbrief. Der wilde Mann hieß Sigmund Freud, seine Braut Martha Bernays, und der Ort war Wien, 1882. Ein paar Jahre später war der ehrgeizige Neurologe ein sittentreuer Ehemann und Vater von sechs Kindern, der von bisexuellen Ausschweifungen und von Schwägerin Minna allenfalls heimlich zu träumen wagte. Und das war weniger typisch, denn im prüden 19. Jahrhundert lebte die Habsburg Metropole nach dem Motto: "A bisserl was geht immer Außerhalb der Doppelmonarchie hielt sich spätestens seit Arthur Schnitzlers Skandaldrama "Der Reigen" (189697) die Vorstellung, zwischen Hofburg und Prater, Grinzing und Baden mache sich eine Art Kapitale des Eros breit, ein zauberischer Ort, der keine sinnlichen Wünsche offenließ.

Eine Vermutung, die mit dem Buch von Alexander Sixtus von Reden und Josef Schweikhardt nun erstmals ausführliche, reichbebilderte Bestätigung erfährt. Es widmet sieh der Zeit zwischen 1848 und 1918 und charakterisiert sie als Drehscheibe zwischen ausklingender Obrigkeitsstaatlichkeit und einer pluralistischen Liberalität. Wien, nur du allein. Eingebettet in den knakkigsten Operettenkitsch, wollten sie alle, alle sich amüsieren, die süßen Wäschermädel und die feschen Leutnants, die Kavaliere und die Lebedamen. Gelegenheit schafft Liebe: im Theater oder beim Heurigen, im Prater oder in den mehr oder weniger diskreten Etablissements. Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben? Auf diese rhetorische Frage fiel beim besten Willen niemandem eine Antwort ein "Ich bin entschieden für die Unauflöslichkeit der Ehe", verrät die Dame, sich auf der Bettkante rekelnd "Mein Graf war sonst noch anstand, sich von seiner Millionärin scheiden zu lassen, um mich zu heiraten "

Offiziell freilich galt es, die Sexualität als anarchisches Element einzudämmen und irgendwie aus dem Tageslicht zu rücken. Junge Menschen, nun ja, sollten "das" irgendwie schon mitbekommen, die Männer zumal. Aber diese peinliche Angelegenheit war doch, bittschön, insgesamt unauffällig zu regehi. Ergebnis der Doppelmoral: ungezählte Affären, deren berühmteste der Selbstmord des Thronfolgers Kronprinz Rudolf und seiner Geliebten Mary Vetsera war.

Sigmund Freud übrigens, der so eindrucksvoll die unbewältigten Triebkonflikte seiner Zeitgenossen erforschte und seine eigenen für sich behielt, sorgte vor und vernichtete das meiste im Rausch der Sinne Geschriebene. Noch sieben Jahre, dann rückt die Library of Congress seine letzten unter Verschluß gehaltenen Briefe heraus. Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist. Anna v. Münchhausen Eine Sittengeschichte Altösterreichs; Verlag Carl Ueberreuter, Wien 1993; 238