Als die Wehrmacht an jenem Sonntag, dem 22. Juni 1941, die Grenzen der Sowjetunion überschritt, folgten den Heeresgruppen besondere Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes auf dem Fuße und erschossen in einer beispiellosen Aktion allein bis Jahresende etwa 500 000 Juden. War das der Auftakt zu der von den Nazis angestrebten "Endlösung der Judenfrage"? Immerhin vergingen vier Monate, ehe am 15. Oktober die ersten Juden aus dem Reich deportiert, und dann noch einmal fünf Wochen, ehe die ersten von ihnen am 25. November durch eine Einsatzgruppe in Kowno erschossen wurden. Darauf dauerte es wieder vier Monate, ehe am 26. März 1942 die Deportationen aus den übrigen Ländern im deutschen Herrschaftsbereich einsetzten, zuerst aus der Slowakei, am folgenden Tag aus Frankreich, im Juli aus den Niederlanden, im August aus Belgien, im November aus Norwegen, bis schließlich 1944 auch Ungarn und Rhodos erfaßt wurden.

Das ist alles seit langem bekannt, die Daten, die Orte, die Zahlen. Aber warum begann es in Schüben? Warum hatte es nicht früher begonnen? Warum hatten die Nazis nach 1933 zuerst die Auswanderung der Juden aus Deutschland betrieben, wenn sie sie hinterher mühsam wieder einsammelten und in die Vernichtungslager brachten? Warum überhaupt taten sie das alles, während sie einen hochriskanten Krieg führten? Das sind die Fragen, die in der Forschung gestellt werden. Die Öffentlichkeit interessiert sich kaum dafür, und auch die Historiker, die darüber nachdenken, kann man an einer Hand oder zwei Händen abzählen. Unter ihnen jedoch ist die Debatte lebhaft. Einmal, 1984, versammelten sie sich sogar zu einer internationalen Konferenz über "Entschlußbildung und Verwirklichung" in Stuttgart. Das Protokoll belegt, daß sie sich nicht einigen konnten. Sie haben, da die Täter fast nichts Schriftliches hinterließen, nur wenige Quellen. Die kennt jeder von ihnen beinahe auswendig, und sie tun nichts anderes, als sie immer wieder hin- und herzuwenden, um sie mit dem Ereignisablauf in Übereinstimmung zu bringen.

Zwei Hauptauffassungen stehen einander gegenüber. Die einen, die sogenannten Intentionalisten, meinen oder meinten doch anfänglich, Hitler habe den Mord von langer Hand angestrebt und nur auf günstige Gelegenheiten gewartet. Die andere, in der Fachsprache "Funktionalisten" genannt, wollen nicht alles auf eine Person zurückführen. Sie meinen daher, der Mord habe sich aus dem Prozeß der Verfolgung und seiner fortgesetzten Steigerung ("Akkumulation") gleichsam automatisch ergeben. Gewiß verlaufen die Linien im einzelnen längst nicht mehr so eindeutig. Besonders der amerikamische Historiker Christopher Browning hat wiederholt eine Verbindung der beiden Positionen vorgeschlagen: Hitler habe den Mord zwar angeordnet, aber nicht planvoll angestrebt, sondern erst in Gang gesetzt, als andere Lösungen wie etwa die Aussiedlung gescheitert waren.

Nun tritt ein neuer Forscher in diesen Kreis, diesmal ein Schweizer, der junge Genfer Professor Philippe Bunin. Genau gesagt, ist er schon vor vier Jahren in ihn eingetreten, als sein Buch im französischen Original erschien. Jetzt ist es, übrigens sehr zuverlässig, ins Deutsche übersetzt worden. Mit einem Schlag und auf nur 200 Seiten hat er ein Meisterwerk geliefert. Er kennt die Quellen, macht keine Fehler und stellt uns die Sache wieder anders dar. Sein Buch ist eine Variante der These von Browning.

Schon der Titel läßt keinen Zweifel, daß auch Bunin Hitler die zentrale Rolle zuerkennt. Insofern widerspricht er den reinen Funktionalisten, deren Stellung damit weiter geschwächt wird. Wie die Intentionalisten ist er der Ansicht, daß Hitler den Vorsatz hatte, die Juden zu vernichten. Wie Browning meint er jedoch, diese Absicht sei nicht absolut, sondern an Bedingungen geknüpft gewesen, aber an andere, nämlich an außenpolitische und militärische. Hitler ließ die Juden erst ermorden, als sein Krieg in Schwierigkeiten geriet. Der Mord war nach Burrin sowohl ein Akt der Sühne (nicht eine "Opfergabe", wie die Übersetzerin den Begriff wiedergibt) für das vergossene deutsche Blut wie vor allem ein Akt vorgezogener Rache für die sich abzeichnende Niederlage.

Dabei beruft Burrin sich auf Hitlers berühmte Ankündigung vom 30. Januar 1939: Wenn es dem "internationalen Finanzjudentum" gelingen sollte, "die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen", dann werde das Ergebnis "die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" sein. Das interpretiert Burrin so: Wenn die Welt die Erweiterung des deutschen Lebensraumes ohne größeren Widerstand hinnähme, werde er sich mit einer Aussiedlung der Juden begnügen. Tatsächlich erwog Hitler 1939 und 1940, als er ziemlich mühelos von Sieg zu Sieg eilen konnte, die Ansiedlung der Juden entweder in Ostpolen oder in Madagaskar. Doch im August und September 1941, als der sowjetische Widerstand sich versteifte und als die USA den Sowjets zu Hilfe kamen, da habe Hitler sich für die angekündigte Vernichtung entschieden.

Die These ist auf den ersten Blick bestechend. Browning hat darauf jedoch bereits erwidert, er bleibe respectfully unconvinced. Wenn, wie Burrin behauptet, die systematischen Tötungen in der Sowjetunion erst im August einsetzten, dann müsse die Entscheidung vorher getroffen worden sein, als noch Siegesgewißheit bestand. Die Behauptung ist aber nicht einmal gut belegt. Es gibt viele Anzeichen dafür, daß die Tötungen von Anfang an systematisch waren.