Von Antje Kuchenbecker

Die Reise geht wirklich nach Birobidschan, die Jüdische Autonome Provinz (JAP) der ehemaligen Sowjetunion und des heutigen Rußlands. Bisher kenne ich sie nur aus der wissenschaftlichen Literatur. An der chinesischen Grenze zwischen den Flüssen Bira und Bidschan hatte die Sowjetregierung 1934 ihre eigene Version des Zioismus geschaffen.

Nach der Oktoberrevolution vegetierten viele Juden in den Städten im Westen Rußlands, in der Ukraine und in Weißrußland. Vor der Revolution hatte der größte Teil von Kleinhandel und Handwerk gelebt. Die Bolschewiki sahen die Juden darum als „bourgeoise Elemente“. Um sie zu „nützlichen Gliedern“ der neuen Gesellschaft zu machen, sollten sie nun in der Landwirtschaft arbeiten. Das war ganz im Sinne der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Jede Nation – und als solche galten auch die Juden – sollte ihr eigenes geschlossenes Siedlungsgebiet haben. „Wir betrachten Birobidschan als einen jüdischen nationalen Staat“, hatte Michail Kalinin, der Vorsitzende des Obersten Sowjets, anläßlich der Gründung erklärt.

Die bebilderten Broschüren aus den dreißiger Jahren erinnern an Kibbuzhandbücher: Strahlende Siedler bauen das „Rote Palästina“. Sabine, die in Moskau wohnt und die russische Provinz kennt, dämpft meine Begeisterung: „Du hast zuviel Propaganda gelesen.“ Acht Stunden dauert der Flug von Moskau nach Chabarowsk. Von dort braucht der Zug vier Stunden bis Birobidschan. Ein Junge im Abteil fragt, welche Sprache wir sprechen. Deutsch. Er lacht. Er kann sich nicht vorstellen, was uns hierher verschlagen hat.

Das Land ist flach und sumpfig: Birken und Wiesen, soweit das Auge reicht. Auf den Schildern der Stationshäuschen stehen die Ortsnamen auf russisch und jiddisch, obwohl nur vier Prozent der 220 000 Einwohner Juden sind, von denen wiederum nur wenige Jiddisch sprechen.

Im einzigen Hotel der Provinzhauptstadt Birobidschan wird uns erklärt, Ausländer beherberge man nur, wenn irgendeine Organisation sie geschickt habe. Die Hoteldirektorin sieht uns verständnislos an, als wir ihr sagen, daß wir uns für die Geschichte der Provinz interessieren. Nachdem wir ein Mehrfaches des üblichen Preises bezahlt haben, führt man uns aufs Zimmer.

Moskauer Freunde haben uns die Telephonnummern von Birobidschaner Juden gegeber, die als Kinder der ersten Siedler Anfang der dreißiger Jahre hierhergekommen waren und die wir über ihr Leben befragen wollen. Bald erweist sich das „Rote Palästina“ als Fata Morgana. Die meisten Siedler wollten einfach dem Hunger in der Ukraine und in Weißrußland entfliehen. In der Hoffnung auf ein besseres Leben legten sie über 8000 beschwerliche Kilometer zurück. Doch anstelle von Milch und Honig erwartete sie ein unwirtliches Gebiet mit einem schwer erträglichen Klima, mit Sümpfen, Wolkenbrüchen und Mücken.. Wer Geld hatte, kehrte sofort nach Hause zurück; wer keins hatte, blieb. Das Landwirtschafts- und das Verteidigungsministerium hatten die entlegene Region ausgesucht, weil sie auf die Erschließung der Bodenschätze hofften und die Grenze zu China sichern wollten.