Kaum hast du dich notdürftig aus einer Klemme h&rausgewurstelt, steckst du bereits in der nächsten drin. Märri Schimmel (12 Jahre, Klasse 6b) kann ein Lied davon singen. Wenn man schon Märri Schimmel heißt! Eigentlich ja Marina. Aber das liegt zu nahe an Margableibt. Damit muß man leben. Und die Pickel auf der Stirn unterm Pony, die bleiben auch. Und die Himmelfahrtsnase. Und der viel zu breite Mund (meint Märri). Und die Augenfarbe: Graugrünblau (Märri meint, "Opal" klinge besser). Und die Nervensägen Zwillinge im reifsten Kindergartenalter. Und die stets am Rande einer Nervenkrise balancierende Mutter. Und dieses blöde Fragebogenbuch, das ihr Kirsten aufgehalst hat und das sie "ganz ehrlich" beantworten soll, nicht so wie Udo, der in die Spalte "Das wünsche ich dir" Wlado aus der 7a. Wenn Märri den sieht, kriegt sie immer ein gewisses Schlottern in den Knien. Also, Märri Schimmel hats nicht leicht als junge Dame im kritischen Alter und Mitglied einer chaotischen, aber irgendwie doch ganz normalen, ja sogar liebenswerten Familie. Das werden die Legionen von Mädchen aus den 6bs landauf, landab aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen können. Und außerdem werden sie nach der Lektüre von Märris "autobiographischen Aufzeichnungen" zustimmend nicken, daß man weder Räuber und Spione noch höhere Gewalten braucht, um Würze ins Leben zu bringen. Karla Schneider hat sich solche Erkenntnisse zu eigen gemacht und läßt ihre Protagonistin ein völlig alltägliches Leben in einer ebenso alltäglichen Familie führen. Keine Spur von exotischer Dramatik. Der Dschungel des hausgemachten Irrwitzes ist groß genug. Mustermanns haben sich längst verflüchtigt. Was die Handlung so angenehm vertraut macht, ist die Verdichtung einzelner, scheinbar banaler atmosphärischer Elemente "Ich mag den Geruch frischgebügelter Wäsche", sagt Märri. "Ich mag auch die eintönigen Geräusche: das Klicken, wenn das Bügeleisen für einen Moment abgestellt wird, und das Fauchen und Zischen " Die Autorin zeigt ein sicheres Gespür für die Bedeutung der kleinsten Erscheinungen. Sie läßt Märri, den Kopf in die Hände gestützt, die Schuppen vom Kopf loskratzen und aufs Fragebogenbuch rieseln, sie beachtet die Heulspucke des kleinen Bruders auf Märris T Shirt, sie beschreibt das Konglomerat der Düfte im Mietshaus, den Waschpulverduft auf dem Wäscheboden und den Geruch von Blumenkohl aus Mutters Kochtopf. Alltagsgeschichten finden sich in der deutschsprachigen Kinderliteratur inzwischen zuhauf, aber die schmale Grat Wanderung zwischen Klamauk und Klischee, zwischen heiler und heilloser Welt, beherrschen nur wenige. Karla Schneider gehört dazu, ebenso Christine Nöstlinger, Gudrun Mebs und Kirsten Boie. Ihre Kunst besteht vor allem in der wirklichkeitsnahen Inszenierung tragikomischer Ereignisse und Stimmungen, durch die die Handelnden weder als Helden noch als Verlierer schreiten müssen. Märri Schimmel, zum Beispiel: ängstlich und mutig zugleich dem ganz normalen Wahnsinn ins Auge blickend, manchmal schüchtern, manchmal frech, auf jeden Fall offenherzig und auf dem besten Weg dazu, sich eine Überlebensnische aus Witz und Ironie einzurichten. Siggi Seuß Verlag Beltz & Gelberg, Weinheim 1993; 184 S, 22 - DM