Die Unsichtbaren. Predrag Ilic zum Beispiel. Predrag, der bosnische Schwede, der dazu neigt, "Kommunismus mit Flugzeugen gleichzusetzen, die Bäume anpflanzen". Oder: "Les Africains". Die Algier Franzosen in der Pariser Banlieue, umgeben von Magiern und Wunderheilern, die Portraitphotos mit Stecknadeln traktieren. Oder: Mme. Concalves, die Angola Pariserin aus Träs os Montes, die sicher ist daß "Breschnjew das Glas abstellen wird, sobald Mitterrand es wagt, ihm unangenehme Fragen zustellen". Angola ist orange in ihrem Atlas aus Luanda, so orange wie Portugal.

"Wir erzählen Geschichten, um die Einsamkeit zu überwinden", sagt Jane Kramer. Die Geschichten in ihren Reportagen sind Geschichten von Starrsinn und Aberglauben, von Verwirrung und Müdigkeit, von Abschied und Stillstand. Geschichten jenseits der "Prime Time", Berichte einer Amerikanerin in Paris, die seit 1963 für den spondentin des Magazins.

Beruf: Reporter. Die Reportage als Literatur, das ist das Arbeitsfeld dieser Autorin. Mit Tom Wolfe und Joan Didion hatte sie den "New Journalism" lanciert, das, was Trans Atlantik hätte werdenkönnen, wenn es hierzulande der Dokumentaristen nicht so auffällig mangelte. Reporter, so scheint es, sind die armseligen Gäste am Tisch der Literatur. Aber das täuscht. Arm ist in Wahrheit die literarische Sprache, die sich der Recherche entzieht. Jane Kramers Berichte vom Leben beweisen es. Denn ihre Prosa ist nüchtern bis zur Selbstverleugnung, suggestiv und gleichwohl scharf und konturiert. Sie protokolliert, dokumentierl, sie hört einfach zu. Ohne literarisches Kalkül, ohne das Romanhafte, die wortreiche Vermehrung der "Stories", ohne die milde Gebärde der Selbstgefälligkeit.

Europa ist sternenweit entfernt in diesen Reportagen. Eine böse Erfindung des Fernseheis. In Mme. Martins kleiner Küche steht der Apparat neben dem Kühlschrank. Ein Vorhängedectchen bedeckt den Bildschirm.

Primitiv, das zeigen solche Geschichten, ist das Bewußtsein mitten in der Moderne, durchdrungen Von Rainer Michael Schaper von zahllosen, gleichsam autarken Verständigungssystemen. Dr. Verdiglione beispielsweise, der philosophische Guru, kam aus Kalabrien zu den Mailändern "Verdiglione war etwas Besonderes. Er verkaufte nicht Gott oder Karma oder falsche Aktien oder Sumpfland in Florida oder irgendein anderes der klassischen Objekte eines Scharlatans. Er war ein Cagliostro, der eine neue Form von Protektion verkaufte. Manchmal nannte er dies Psychoanalyse, manchmal Kultur, manchmal das Wort. Das Besondere an ihm war, daß niemand, vielleicht nicht einmal Armando Verdiglione selbst, ganz genau wußte, wovon er redete Wer an nichts mehr glaubt, muß an alles glauben. Jane Kramer spürt den Wunderglauben, die Zwangsvorstellungen und Ängste auf, die hier und anderswo alte Gewißheiten ersetzen.

Berlin, Kreuzberg zum Beispiel. Ethnologisch ist der Blick der Amerikanerin, der über die Grenzen des Viertels fällt. Stammesbräuche sind zu beobachten, Abwehrrituale gegen die "da draußen", gegen die anderen, gegen alle: "Kiezsolidarität" einer giftigen Boheme, die sich über "Denkverbote" und "Codes" verständigt.

Die Liste zum Beispiel "Fünfzig Namen standen auf der Liste und etwa fünfzig Fotos - die Feinde, die Kreuzberg bedrohen . Es gab ein Foto von einem Laden mit Zehn Gang Fahrrädern, einem Laden mit handgefertigter Seidenunterwäsche, einem Laden, der sich auf italienische Bücher spezialisierte, und von einer Bar, die die Autonomen als Schicki Micki Treffpunkt betrachteten - als Schicki Micki bezeichnen Kreuzberger all das, was sie beleidigt, alles Affektierte oder Prätentiöse oder Teure oder einfach alles Deplazierte, wie ein Restaurant mit nouvelle cuisine und englischem Namen in einer Straße, die von Freaks und Punks und Trebegängern und Aussteigern beansprucht wird Jane Kramer schildert das Sperrgebiet Berlin Kreuzberg fast teilnahmslos, spröde, ohne anklagenden Unterton, ohne Parteinahme. Sie hat das, was man den ärztlichen Blick nennt. Ein Lamento scheint unangebracht.