Von Helmut Schödel

Wenn die Toten keine Ruhe finden, halten sie ihre Gebeine in die Luft, Segel aus Knochen, und fliegen über das Land: Das ist die Wilde Jagd. Die Toten sind Nachtschwärmer, und die Einflugschneisen der Gerippe, allesamt Schemen von Drachenfliegern, liegen dort, wo das Licht nachts noch ausgeht (oder wo es nie anging), also abseits der Städte, in der tiefen Provinz. Hier verwirbelt sich unterirdisch die Luft und reißt die Menschen ins Mittelalter. Das jedenfalls suggerieren uns viele Heimatromane.

Der Städter steht in dieser Provinz vor seinem eigenen Abgrund. Hier auf der Nachtseite hat er seine dunkle Seele deponiert, bevor er in den Städten als Tagmensch das wissenschaftliche Zeitalter ausrief, die Aufklärung und den technologischen Fortschritt. Jeder ernsthafte Heimatroman ist eine Zeitreise, zurück in eine Welt, in der der Mond mehr war als bloß „a nackerte Kugel“, zurück in die Mythen, die Stammesgeschichte, die eigenen Untiefen. Hier findet sich das, was uns im dunkelsten Sinn des Wortes: fesselt.

Gisela Corleis, 1944 geboren in Höxter/Weser, erzählte vor fast einem Jahrzehnt in ihrem ersten Buch „Unverwandt“ von „Reisen in eine fremde Gegend“, eine tiefe Provinz, den Nordosten Österreichs, das Waldviertel. Es ist eine Landschaft fernab der touristischen Reiserouten, wo inzwischen auch Herbert Achternbusch lebt. Die ganze Gegend – ein Paroxysmus der Steinzeit des Bayerischen Waldes.

Hier schaute man in Achternbuschs letztem Film „Ich bin da. Ich bin da“ (wiedergeboren im Waldviertel) auf zwei Spuren einer Autobahn, die in einem Berg verschwand. Auf der einen Spur fuhren die Autos in den Berg hinein, auf der anderen aus dem Berg heraus. Und es sah aus, als habe der Berg die Autos auf der einen Spur eingesaugt, in seinem Inneren kreisen lassen und sie auf der anderen Spur wieder ausgespuckt. Der Berg – ein Dämon, der sein Spiel trieb mit der modernen Zeit. Ein Bild vom Verschwinden der Menschen in der Landschaft. Kein Wunder, daß Gisela Corleis in dieser Welt zwischen Animismus und Katholizismus in den fremden Dialekt verfiel und wie ein Waldviertler Medizinmann verkündete: „Die Doutn gehn mit dem Wind.“

Auch ihr zweites Buch, der Roman „Brand“, erzählt gespenstische Geschichten aus einer fernen Gegend, einem unseligen Dorf, jedes Haus ein Unglück, „Verhängnis bis unters Dach“. „Brand“ spielt in einem bleichen Land, irgendwo zwischen Hameln, dem Lippe-Fluß und dem Geburtsort der Autorin, in einer Landschaft, die erst zur Spukzeit richtig auflebt, wo der Mond wie ein blutig Eisen über dem Löschteich der örtlichen Feuerwehr leuchtet und die Bibel nur aus dem Alten Testament besteht. „Nachts reißt der Tag auf und zeigt, was seine Werke sind. Große Geschrecke...“ Jeder ernsthafte Heimatroman ist immer auch ein Schauerroman. „Brand“ spielt in einer Zeit, als die Bauern noch nicht mit über hundert Pferdestärken Mercedes Diesel, sondern zweispännig fuhren, durch düstere Hohlwege und an den Blocksbergen vorbei auf Viehweiden, die in blubbernden Mooren versackten; als die Tiere im Stall, weil sie das Überleben garantierten, den Bauern noch wichtiger waren als die Memschen auf dem Hof, die ihr Wasser aus klafteirtiefen Brunnen schöpften und ihr Getreide in sagenumwobene Mühlen vor dem Dorf transportiertten. Es war die Zeit, als „draußen, weit draußen, im der Ferne am Horizont ... von keinem gesehen, der Scharfrichter mit dem Schwert“ umging, aus Rächer eines alttestamentarischen Gottes.. Die Kreuze am Wegrand ließen diese Welt aussehen wie eine einzige große Folterkammer.

In einer Kammer, die ihm zur Folterkammer wird, verbringt Gisela Corleis’ Bauernsohn Hader fast sein ganzes Leben: „... der Schlüssel steckt innen, die Kammer ist zu.“ Über seinem Bett hängt ein Bild: ein Tier auf einem Opferblock und daneben ein „gertenstrenger“ Engel. Auf diesem Bild sieht sich Hader selber „aufgetischt“. Denn die Leute außerhalb der Kammer, die Eltern, die Bauern, haben nicht viel parat für ihn – außer Angst, Härte und Haß.