Herr A seinen Klassiker neu bearbeitet hat, warum er manches geändert hat und vieles leider nicht.

Herr A, das ist Günter Amendt, ein Veteran aus den Tagen, als die Jugend noch rebellisch war. Sein Sexbuch half damals vielen, die Angst vor Onanierschäden und dem "Ersten Mal" zu überwinden. Heute ist die Jugend weniger rebellisch und weiß mehr über Sex als damals.

Wirklich? Zwar schockieren heute schon Sextaner ihre Eltern mit detaillierten Kenntnissen über Fistfucking oder Sadomasochismus. Die Allgegenwart von Rammelfilmen und Busenblättchen bedeutet aber nicht unbedingt mehr Wissen darüber, wie "es" wirklich geht. Kompetente Aufklärung, die Jugendliche nicht unter Druck setzt - Sex weder als Teufelswerk noch als Pflicht , ist auch im Zeitalter des Privatfernsehens noch nötig. Und Günter Amendt bietet genau das. Er hat Sachkenntnis, redet nicht "drumrum", plädiert stets für Toleranz und ist dabei nicht langweilig.

Große Strecken des Buches prägt, wie in der Ausgabe von 1979, ein Dialog zwischen dem Lehrling Kai Uwe, der ein moderner Mann sein möchte, aber den Macho nicht immer verleugnen kann, und der sowohl sexuell wie politisch vorbildlichen Ulrike. Sie "steht auf Typen", findet aber auch Sex mit Geschlechtsgenossinnen schön, kämpft den Frauenkampf und ist selbstverständlich in der Gewerkschaft. Ab und zu schaltet sich auch "Herr A höchstpersönlich in das Gespräch ein, zum Beispiel im neu hinzugekommenen Kapitel über Aids.

Die angestaubte Rollenverteilung deutet schon an, womit Amendt manch jungen Leser vergraulen wird. Bei ihm verläuft die Sexfront noch wie 1968: Der Feind steht rechts, derdie Freundin links. Wahre Liebe, so lehrt er, sei nur in der Arbeiterklasse ein Motiv für die Ehe. Der Bourgeois hingegen denke nur an den Mehrwert, wenn er sich auf ewig binde. Den Hinweis darauf, daß das Bürgertum in einigen Teilen der Welt schon besiegt sei, hat sich Amendt 1993 allerdings verkniffen, s JedjefeMana, m entnehmen, die, Jubertierenden auch dem neuen Sexbuch, unterdrückt jede Frau. Sogar der arme Kai Uwe. Er dominiert seine Mutter dadurch, daß er den Abwasch zu Hause so erledigt, daß sie es sieht. Er macht ihr laut Amendt klar, daß er ihre Aufgabe erledigt.

Lust- und Sexfeindlichkeit sucht und findet Amendt ausschließlich beim klerikalen und reaktionären Klassenfeind. Ob auch Teile der Frauenbewegung davon infiziert sind, die Frage wird im Sexbuch erst gar nicht gestellt. Und wenn Herr A. den Abtreibungsgegnern manches unterstellt, nur nicht ethische Motive für ihre Haltung, dann ist das dieselbe Anmaßung, die er der katholischen Kirche zu Recht vorwirft.

Auch optisch ist das Buch immer noch im Stil der siebziger Jahre gehalten. Vielleicht wirkt das sogar verkaufsfördernd. Schließlich ist die Mode von damals bei Amendts Zielgruppe, der "nachwichsenden Generation", wieder angesagt. Der Grundtenor des Buches, "Tu, was Du willst. Verletze niemanden. Weder durch Worte noch durch Taten. Schütze Dich", macht es trotz aller antiquierten Passagen zum wirklich guten Aufklärungsbuch. Gregor Kursell Aufklärung für Jugendliche und junge Erwachsene; Elefanten Press, Berlin 1993; 288 S, Abb, 29 90 DM