Von Andreas Isenschmid

Es gibt auch Einwände gegen diesen Erstling eines 25jährigen. Sie kommen leise, sobald man den Roman zuschlägt. Japsen, nicht selten, nach Kontur und Überblick. Nölen, eher selten, wegen Langeweile, auch Beliebigkeit. Und verschwinden in Windeseile, spätestens nach drei Seiten, sowie man weiterliest. Weggeblasen von dieser Erzählstimme von furios-phantastischem, alles umarmendem Reichtum.

Und am Ende? Hat man die Gewißheit, daß dies die interessanteste Stimme ist, die sich seit den Debüts von Thomas Hürlimann und Markus Werner in der Schweizer Literatur gemeldet hat, und eine der kräftigsten in der jüngeren deutschen. Und die Einwände? Fast weg.

Sagen wir’s so: Dieser Roman ist fließend und fliegend, bockend und stockend, lachend und weinend auf einmal. Und bajazzohaft buntscheckig wie das ganze Buch ist auch die Hauptfigur, die es uns erzählt. Wobei erzählen schon wieder eine kleine Untertreibung ist. Eher wäre zu sagen, daß August Abraham Abderhalden uns dieses Buch um die Ohren pfeift, schneit, schauert und auch sonnt. Denn „AAA“ ist, da sein Autor auch Petrus heißt, „Wettermacher“ (und wird, da sein Autor doch Weber heißt, auch „Wetterweber“ genannt), er sitzt in der Nacht vor seinem zwanzigsten Geburtstag im Keller und macht auf den Papieren, die er mit seiner und seiner Anverwandten Lebensgeschichte beschreibt und die wir lesen, das wetterwendischste Wetter, das er sich denken kann. Aprilwetter eben, denn es ist die Nacht zum ersten April – und was wir lesen also wohl auch, da es eine überaus musikalische Prosa ist (der Autor ist Freejazzer), ein April-Scherzo.

Nur: Hauptfigur mag man August Abraham Abderhalden nicht recht nennen. Eher ist dieser Wettermacher, wie auch die Landschaft, in die Weber ihn gesetzt hat, ein poetisches Windspiel. Sein Toggenburg, „ein dunkelgrüner Moll-Ackord“, ist aus Gegenwart und Vergangenheit, aus Wirklichkeit und Phantasie grell und zerfließend gemischt. Etruskische Hexen, die in „Arabesken“ sprechen, können in ihm mit geradeaus rasenden Autos kollidieren. Und die Thür, der Fluß, auch Kuß genannt, der durch diese Erzählung fließt und über alle realen und semantischen Dämme tritt, wäre Rimbauds reine Freude gewesen. Fluß und Landschaft sind poetisch flickgeschustert wie ihr Einwohner. Abderhalden hat „ein blaues und ein braunes Auge“ und ist mit „mehrerlei Geschlechtern ausgestattet“. Zwischen den Beinen trägt er einen „dünnen Fetzen Haut“, der „schlaff zwischen den Schenkeln“ hängt, „und knapp darüber“ findet sich „dieser rätselhafte Schütz: eine Art Scheide. Die Wetterscheide“.

Für den Freundeskreis des Nacherzählbaren und einer bodenständigen „eigentlichen“ Prosa muß dieser phantastische Energie-Riegel in Buchform ein Graus sein. August Abraham werden sie bald als hoffnungslos verblasenen Fall erkannt haben. Doch auch das weitere Personal des Romans, seine Adoptiveltern und seinen Bruder Freitag (der immer strenger und stiller, gewissermaßen schweizerischer wird und sich das Leben nimmt), stattet der Erzähler nur mit Spurenelementen eines gradlinigen Lebenslaufes aus (und ehrlich gesagt ist er gerade dort öfter etwas langweilig). Sinnlos, sich an ihre Fersen zu heften. Sinnvoller bequemt man sich zur Einsicht, daß dieser Erzähler, mehr um uns anzuspitzen, immer wieder mit Handlung und Co. kokettiert und davon spricht, „Linie in mein bißchen Existenz zu bringen“. Sowie er uns in die Illusion versetzt hat, wir berührten wieder mal festen Boden, läßt er ihn beben und legt los wie lange keiner mehr.

Er hält den Handlungsfilm an, rupft einzelne Bilder heraus, übermalt und vergrößert, verzerrt, zerschneidet und rekombiniert sie, wirft ihre Schnitzel jauchzend in die Luft und beginnt, mit ihnen und tausend anderen Sachen, die er weiß ich woher genommen hat, kühn und kühner, schnell und schräger zu jonglieren, und läßt dazu, damit er auch mit dem Licht jonglieren kann, zigfach (und wie!) die Sonne auf- und untergehen – bis der ältere Kritiker kaum mehr weiß, wo ihm der Kopf steht, und stürm und bang und wohlig brummt: Aber die Handlung, junger Mann! Die Figuren! Alles können Sie doch nicht im Meer Ihrer Phantasie ersäufen!