Von Katrin Weber-Klüver

Am Schilfufer eines värmländischen Sees stehen fünfzehn Frauen in drei Grüppchen und haben allesamt das gleiche Problem. Wie kann aus jeweils fünf Stoffdreiecken von etwa anderthalb Meter Seitenlänge sowie einem Stück Schnur ein Zelt errichtet werden, das hier, mitten in der Wildnis Mittelschwedens, für eine Nacht wenigstens einigermaßen Schutz vor Mücken und Regen gewährt?

Sechs Uhr abends: Zunächst müssen die Dreiecke auf dem Boden zu einem wellenschlagenden Fünfeck ausgebreitet und an den Seiten zusammengeknüpft werden. Aber dann? Heringe und Haken? Fehlanzeige. Und wie soll die Konstruktion anschließend in die Höhe gehoben werden – ohne Stangen? Und überhaupt: Ist womöglich schon das Fünfeck eine Fehlkonstruktion? Kurzum: Die frauschaftliche Kooperationsbereitschaft gerät ins Wanken.

Die Frauen sind nicht etwa alte Kegelschwestern, deren Wanderurlaub zu verunglücken droht. Was die zwölf Deutschen und drei Schwedinnen zusammengeführt hat, ist ein Trainingslager: Survival für Frauen, ein Premierenprojekt der schwedischen Survival School Weiss. Deren Gründer und Chef, Preben Mortensen, ist der einzige, der am gruppendynamischen Geplänkel sein helles Vergnügen hat, weil für ihn alles nach Plan läuft: "Je mehr Konflikte, desto besser."

Brigitta, die 42 Jahre alte Frau aus Göteborg, setzt während all der Grübelei um die rechte Textilarchitektur eine durchtriebene Kleinmädchenmiene auf und verkündet spitz: "Macht es, wie ihr wollt." Flugs wechselt sie ins verschwörerische Fach, um der drei Jahre jüngeren Marie-Luise zuzuflüstern: "Übernimm du die Verantwortung, eine muß es tun." Die Gebetene lehnt widerwillig ab: "Nein, das will ich nicht. Wir machen das hier alle gemeinsam." Petra und Ida, beide Mittdreißigerinnen und ausgesprochen frohsinnige Charaktere, schweigen ausnahmsweise betreten. Brigitta aber gibt sich schwer gekränkt: "Bitte!" Und droht: "Ich kann auch draußen schlafen."

Mit der lapidaren Mitteilung, sie werde Blaubeeren sammeln gehen, schnappt sich die Beleidigte die zwanzig Jahre jüngere Anke und verläßt die Bühne. Marie-Luise hält mühsam ihren Zorn im Zaum. Ida atmet tief durch, und Petra wartet ab, wie es nun weitergeht. Drei Stunden später, es hat längst zu dämmern begonnen, hat das Trio mit Hilfe einer Stützkonstruktion aus dicken Ästen endlich eine Art Zelt errichtet. Weil Brigitta noch auf Beerensuche im Moos weilt, bleibt keine Zeit, sich über das Abendessen zu verständigen. Alle finden sich am Lagerfeuer ein, um die "Tagesbesprechung" zu absolvieren.

Es spricht dabei meistens Preben Mortensen, vom Aussehen und Auftreten her eine Art skandinavischer Hemingway, ein Mann, der seit Anfang der siebziger Jahre sogenannte Survivalkurse anbietet. Mittlerweile veranstaltet er diese Simulationen von Extremsituationen mehrmals im Jahr für gemischtgeschlechtliche Gruppen sowie, mit wachsendem Erfolg, Survivalcamps für Managementabteilungen größerer Konzerne. Diese Selbstbeweisinszenierungen gefallen besonders deutschen Managern: Denn Mortensen verhehlt wie das Gros seiner Branchenkollegen nicht, daß es vor allem die Schmerzgrenze ist, welche erspürt und erlitten werden soll. Hinterher sind die Teilnehmer – so verspricht es die längst wissenschaftlich elaborierte Survivalphilosophie – mental gerüstet, den Erfordernissen moderner Unternehmensführung zu entsprechen.