Von Daniel Haufler

Der Schock war kurz, aber heftig. Bis zu 45 Prozent stürzten die Umsätze der Verlage und Buchhandlungen im Frühjahr 1992 ab: Manche Beobachter glaubten schon, dies sei der lang befürchtete „Kurssturz des gedruckten Wortes“ – es würden keine Bücher mehr gekauft, geschweige denn gelesen. Und selbst das „Leseland DDR“ hätte sich als Phantom entpuppt.

Auch wenn die Krisenmaler letztes Jahr zu kräftig in den schwarzen Farbtopf gegriffen haben, die Buchmarktmisere erschüttert die ökonomische Basis der Verlage, insbesondere bei den kleinen Unternehmen. Die Reihe von Konkursen seit November 1992 – von Galgenberg bis Semmel – führt überdeutlich vor, daß gerade Verlagshäuser mit schmaler Produktion und geringem Umsatz sich bis heute nicht von der Frühjahrskrise 1992 erholt haben. „Ein paar Verlage werden wohl noch Pleite machen“, prognostizierte zu Recht vor einem halben Jahr KD Wolff, vielleicht noch nicht ahnend, daß sein eigener Verlag Roter Stern bald aufgeben müßte – aber von KD Wolffs Stroemfeld Verlag in Basel noch vergleichsweise sanft aufgefangen werden konnte...

In diesem Herbst sind nur wenige Verleger selbst der großen Häuser so gelassen und heiter gestimmt, wie es uns Matthias Wegner in der FAZ glauben machen will. Mit seiner optimistischen Einschätzung fügt er sich jedoch gut ins „offizielle“ Bild. Der deutsche Buchhandel habe „im Rezessionsjahr 1992 seine wirtschaftliche Vitalität“ bewiesen, verkündet schließlich auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in einem Ton, als ob er einen fünfzehn Jahre alten Gebrauchtwagen anpreisen wollte. Immerhin: Buchhandlungen und Verlage steigerten ihre Umsätze 1992 durchschnittlich um 3 beziehungsweise 3,4 Prozent und stehen somit entschieden besser da als etwa der Radio- und Fernseheinzelhandel.

„Wir können uns nicht beklagen!“ sagt der Geschäftsführer des S. Fischer Verlags Wolfgang Mertz. „Selbst schwierige und teure Bücher verkaufen sich hervorragend“, ob die Geschichte des privaten Lebens oder der arabischen Völker. Ähnlich rosig schätzt er die Absatzchancen der jungen Literaten ein. Die neuen Romane von Wolfgang Hilbig und von Ulrich Woelk werden in diesem Herbst mit über 10 000 Exemplaren aufgelegt „und wohl verkauft“ – statt Krise also doch Boom?

Auch der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld mag keine Krisensymptome erkennen, denn der Suhrkamp-Umsatz „steigt und steigt“; von Cees Nootebooms Roman „Die folgende Geschichte“ liefert der Verlag gerade das hundertste Tausend aus. Den Skeptikern und „Feuilletonisten“ hält Unseld entgegen: „Gelesen wird immer.“ Bisher sei auch nicht das Buch gestorben, wie es der Medienforscher Marshall McLuhan für Ende 1980 prognostizierte, sondern vielmehr McLuhan selbst. Der deutsche Buchmarkt dagegen sei intakt und so vielfältig wie sonst keiner in der Welt. Und eines stimmt natürlich: Intensiver als in anderen Ländern wird die internationale Literatur in den deutschen Verlagen wahrgenommen und publiziert. Die großen lateinamerikanischen Erzähler bei Suhrkamp, estnische Autoren bei dipa, italienische Dichter bei Wagenbach oder Piper, russische Poeten bei Union oder der Friedenauer Presse. Ja, einige junge deutsche Schriftsteller finden sich in den Programmen gerade kleinerer und ambitionierterer Verlage von Mathias Gatza über Antje Kunstmann und Kellner bis zu Aufbau. Sie suchen und pflegen die Talente, auch wenn sich derzeit davon kaum leben läßt.

„Wer heute sagt, daß es bei den Verlagen nicht kriselt, der lügt, oder er verkauft Computer-, Koch- und Gartenbücher“, konstatiert der Berliner Verleger Klaus Wagenbach. Verlage der Größenordnung Wagenbachs (circa drei Millionen Mark Umsatz bei sieben Mitarbeitern) sind besonders gefährdet; einige mußten im letzten Jahr bereits aufgeben. Andere wurden verkauft: der Walter-Verlag an Patmos, Scherz an Holtzbrinck und Ammann an Monika Schoeller, die S.-Fischer-Verlegerin und Holtzbrinck-Erbin. Luchterhand und Haffmans haben ihre Taschenbuchreihen an dtv oder Heyne abgegeben, die billiger produzieren und besser distribuieren können. Wie in anderen Branchen wachsen die Riesen Holtzbrinck und Bertelsmann ständig, während die Kleinen dichtmachen oder geschluckt werden.