Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau

Sie haben es seit Jahren täglich gesehen. Doch seit Montag morgen, 8.27 Uhr, können sie nicht fassen, was sie vor Augen haben. Voller Überdruß und auch Verachtung hatten die Moskauer immer wieder die Bilderflut von den furchtbaren Bürgerkriegen aus so vielen Winkeln der ehemaligen Sowjetunion über sich ergehen lassen. Voller Unglauben hatten sie die Warnungen vor dem näher rückenden Blutvergießen kaum noch beachtet. Nun ist der Fernsehkanal „Rußland“ an CNN angekoppelt und trägt Bild, Ton und Schockwellen in die Wohnungen. Erst der dumpfe Donner und das Vibrieren der Fensterscheiben selbst in den Bezirken jenseits des inneren Rings bringt den Hauptstädtern voll ins Bewußtsein, daß ihre Metropole diesmal das Zentrum der blutigen Realität ist, die weltweit als Fernsehfilm abläuft.

Nicht aus den kaukasischen Bergen, sondern aus den rotgoldenen Herbstbüschen um das russische Parlament feuern Elitesoldaten, nicht auf Provinzbaracken richten wenig später die Panzer ihre Salven, sondern auf das Weiße Haus an der Moskwa, das bis zum Abend zur schwarzen Ruine wird. Die letzte Notwehr der Demokratie gegen „faschistisch-kommunistische Verbrecher“, so rechtfertigen sich Jelzins Anhänger. Ein „Reichstagsbrand“, der eine gnadenlose Diktatur einleiten wird, prophezeien die stalinistischen Ideologen, als sie am Abend mit erhobenen Händen aus den Bunkern des von ihnen pervertierten Parlaments steigen.

Nie in der neueren Geschichte hat es solche Szenen in Moskau gegeben. Nie seit den Jugendtagen Peters des Großen haben in der Stadt die eigenen Truppen blutig um die Macht gekämpft. Nie seit Napoleon haben fremde Heere Krieg und Vernichtung ins Zentrum getragen. Und in diesem Jahrhundert hat nur die Niederschlagung des Arbeiteraufstands vom Dezember 1905 zu offenem Blutvergießen geführt – ausgerechnet im später Krasnaja Presnja genannten Bezirk unmittelbar hinter dem heutigen Weißen Haus, wo auch an diesem 4. Oktober 1993 die Schießereien bis in die Nacht fortdauern. Aber nicht einmal 1917 hatten die Oktoberrevolution und der anschließende Bürgerkrieg Moskau ins Blutvergießen gestürzt.

So ist der Schock der Hauptstädter verständlich. Und manchen hilft in diesen Stunden ein weltweites Echo, für das es keine historischen Parallelen gibt: Ein politischer Führer, der im Herzen einer Millionenstadt ein Parlament über zehn Stunden von Panzern zusammenschießen läßt, erhält die einhellige Zustimmung fast der gesamten Staatengemeinschaft von Amerika bis Albanien.

Montag um 9 Uhr früh hatte sich Boris Jelzin über das Fernsehen an die Bevölkerung gewendet – zwei Stunden nach Beginn des Sturms und fünfzehn Stunden nach Verhängung des Ausnahmezustands, zu dem der Blutsonntag des kommunistischen Mobs und die Umsturzparolen des Gegenpräsidenten Alexander Ruzkoj zugleich zwangen und Anlaß gaben. Präsident Jelzin, auf dessen Erscheinen das demokratische Moskau nach der Schlacht um das Fernsehzentrum die ganze Nacht über mit kritischen Fragen gewartet hatte, zog kurz und kompromißlos die Konsequenz aus dem Ende des zwölftägigen Patts. Über dessen Ausgang hatte er in Moskau zuvor die Prognose gegeben: Wer zuerst schießt, hat verloren.