Von Hubert Winkels

Die Luft, in der sich die Literatur erhält, ist dünn und verbraucht. Die Schriftsteller hocken unter einem großen Ballon in einer engen Gondel und lassen sich durch die Lüfte treiben. Die Ventilschnur ist gerissen, aus eigener Kraft zu landen ist ihnen verwehrt. In Erschöpfung und Todesangst flüstern sie sich ein paar zwielichtige Geschichten zu, die sie für die Wahrheit über ihr Leben halten. Lächerliche Figuren, die sich in der Hitze ihrer Kleidung entledigt haben. Phantasien, die über den Wolken schweben. Das einzige, was noch zählt, ist ihr Arbeitszeug: Meß-, Zeichen- und Schreibgeräte, die sie exakt einstellen und nicht aus den Augen lassen.

Das ist die Situation in Norbert Gstreins Sauerstoff-Novelle „O2“, nur daß in seinem altertümlichen Luftschiff keine Literaten sitzen, sondern zwei steif-seriöse Herren der physikalischen Wissenschaft. Doch wenn wir für ein Gedankenspiel den Autor selbst stellvertretend für etliche seiner schreibenden Generationsgenossen hineinsetzen, stimmt das Bild auch: Er hat sich aus dem Staub gemacht, ist über die Wolken verduftet, hat sich vor den Lesern in Sicherheit gebracht. Beschäftigt ist er einzig mit seinem Handwerkszeug, den präparierten Ausdrucksmitteln, die sich mangels Widerstand und interessanten Materials vornehmlich selbst bearbeiten.

Nach zwei kürzeren Erzählungen und seinem Roman „Das Register“ hat der 32jährige Tiroler Gstrein sich jetzt an einer Novelle über ein historisches Luftfahrtrekordunternehmen versucht. Der Klappentext immerhin informiert über die Daten: Es handelt sich um „den Ballon-Forschungsflug des Schweizer Physikprofessors Auguste Picard, der am 27. Mai 1931 zu seiner ehrgeizigen Exkursion in die Stratosphäre, in 16 000 m Höhe, aufgebrochen ist“.

Gut, aber nicht zwingend, das zu wissen. Denn die Novelle will nicht eigentlich von einem aeronautischen, sondern von einem sprachlich-literarischen Ereignis berichten, von sich selbst nämlich. Sie ist eine ausgedehnte und überdrehte Übung in Beschreibungsgenauigkeit und gibt vor allem anderen ihre eigene Kunstfertigkeit zum besten.

Schon die ersten Sätze stellen das Sichlosreißen des Ballons von der Erde auf zudringliche Weise syntaktisch und rhythmisch vor. Sie heischen, statt Neugier für die Geschichte, fachliche Anerkennung vom literarisch versierten Leser für die Sprachform. Gut geschrieben, artistisches Glanzstück, souveräne Sprachbeherrschung, solche Urteile fordern sie offensiv heraus. Doch das Lob selbst des wohlwollenden Lesers wird nur einige Seiten halten. Bald schon merkt er, daß mit der Geschichte etwas nicht stimmt; sie wird immer unwichtiger, dünner und ist bald schon in den wohlgeformten Sprachwolken verschwunden; und er steht nur mehr dumm am Boden und staunt ins trickreich kaschierte Nichts.

Welche Tricks sind es, die die Geschichte zum Verschwinden bringen? Greifen wir einige sprachliche Besonderheiten heraus, Bilder zuerst, himmlische: Über einem leeren Platz trudelt ein Zeitungsblatt „im üblichen Pagodenzickzack“ vom Himmel herunter; ein Vogelschwarm zeigt sich als „Raute aus pulsierenden Knäueln“ am Himmel; ein Himmelsausschnitt verkleinert sich zu „einem langgestreckten, verzerrten Deltoid mit sich stumpfwinklig schneidenden Diagonalen“ – das sind vielleicht allesamt beachtlich geschliffene Bruchstücke einer poetischen Ingenieursprosa. Eine Lokomotive, die nicht nur haus-, sondern „haus-, hochhaushoch“ wirkt, und ein Hotelwirt, der die Gäste aus einem „instinktiven Zu- und Zusammengehörigkeitsdenken“ zusammenführt – das sind hingegen Belege einer Genauigkeitssteigerung, welche die dichterische der technischen Deskription sicherlich voraus hat.