Man vermißt etwas erst, wenn man es verloren hat. Dann werden Nachrufe geschrieben: auf das Ende der Erotik oder der Religion, auf das Verschwinden der Kindheit oder den Verlust einer Ästhetik des Politischen, auf den guten Stil oder die Höflichkeit.

Als Erik Grawert May Anfang der achtziger Jahre seine Bücher über "Polizei- und Liebeskunst" oder das "Theatrum Eroticum" im Tübinger Konkursbuch Verlag veröffentlichte, konnte er noch damit rechnen, als Provokateur verstanden zu werden. Denn gegen den puritanischen Terror der Authentizität, gegen das selbstquälerische Dauerpalaver über Beziehungsprobleme und gegen den Willen zur Wahrheit um jeden Preis die guten Manieren, die Ars erotica und die Kunst der Lüge auszuspielen: das war damals im besten Sinne unzeitgemäß. Seinen Nachruf auf die Höflichkeit schreibt Grawert May noch zu deren Lebzeiten. Die Form des Essays gibt ihm die Möglichkeit, auf eine akademische Durchführung seines Themas zu verzichten und statt dessen den Weg der verschlungenen Ausschweifungen zu wählen. Er stöbert in den Lebenshilfe Spalten von Frauenzeitschriften, wirft einen verächtlichen Blick auf das rüpelhafte Benehmen der Berliner Busfahrer oder bietet uns historische Exkurse zum Freiherrn von Knigge und zum "Handorakel" des spanischen Jesuiten BaJtasar Graciän aus dem 17. Jahrhundert.

Mit Graciän, der uns so etwas wie einen Einblick in die theologische Dimension der Höflichkeit gibt, ist Grawert May endlich auch im Zeitalter des Barock angekommen, das ihm die Metapher vom Theatrum mundi liefert. Und zuletzt bewundert er die Zivilisation der Franzosen und Angelsachse, die noch wissen, daß man in einer urbanen Kultur nicht ständig auf "Selbstverwirklichung" bestehen kann, sondern sich als Schauspieler auf eher Bühne präsentieren muß. Im übrigen empfiehlt er uns die Höflichkeit der Japaner zur intelligenten Nachahmung; auch da liegt er im Trend. Ja, das stimmt eigentlich alles: Der Triumph des Kapitalismus hat die höflichen Manieren überall in Mitleidenschaft gezogen, unsere überstürzte Nachkriegsmodernisierung hat viele brauchbare Traditionen zu achtlos über Bord geworfen; und unsere Neufrankfurter Meisterdenker mit ihrem Verständigungswahn und Dauerdiskurs haben vergessen, daß zur Zivilisation gerade die Fähigkeit zum Pathos der Distanz gehört und die Kunst, im richtigen Augenblick taktvoll den Mund zu halten.

Und dennoch: Wo das alles schon wieder auf so breite Zustimmung stößt, möchte man ein paar Einsichten aus den alten 68er Tagen doch nicht ganz vergessen. Vielleicht, sehr verehrte Herren von Knigge, vielleicht besteht Zivilisation ja gerade in der Fähigkeit zu differenzieren: zwischen Situationen, in denen man taktvoll und höflich sein kann, und Situationen, in denen man auch mal unhöflich die Wahrheit sagen muß. Gegen Molotowcocktails werfende Kids hilft nämlich keine Höflichkeit. Rolf Spinnler Nachruf auf die Höflichkeit; Rotbuch Verlag, Berlin 1992; 144 S, 24 80 DM